Deutsch Wirtschaftsschule Bayern · Jahrgangsstufe 9 bis Abschlussklasse (alle Ausprägungen) · Schreiben (LehrplanPLUS)
Literarische Figuren charakterisieren: von Textbelegen zum stimmigen Gesamtbild
Wer eine literarische Figur charakterisiert, beschreibt nicht nur, wie sie aussieht. Er zeigt, was für ein Mensch sie ist: wie sie denkt, fühlt und handelt, wie sie zu anderen steht und ob sie sich im Lauf der Handlung verändert. Jede dieser Aussagen wird mit einer Stelle aus dem Text belegt. Zunächst, in der neunten Jahrgangsstufe und im ersten Jahr der zweistufigen Form, lernst du, Merkmale zu sammeln und mit Textbelegen zu stützen. In der Abschlussklasse verbindest du diese Merkmale zu einem stimmigen Gesamtbild. Auf dieser Seite übst du beides an einem kurzen Mustertext, der eigens für diese Seite geschrieben wurde.
1. Was eine Charakterisierung ist
Eine Charakterisierung ist ein informierender Text über eine literarische Figur. Sie beschreibt und deutet deren Eigenschaften und belegt jede Aussage am Text. Sie unterscheidet sich von einer reinen Personenbeschreibung, die nur Äußerlichkeiten nennt, und von einer Inhaltsangabe, die die Handlung wiedergibt.
Eine Charakterisierung steht im Präsens, ist sachlich formuliert und folgt einer klaren Ordnung. Persönliche Wertungen wie „Ich finde die Figur unsympathisch“ gehören höchstens in den Schluss und müssen begründet sein.
Jonas kam jeden Morgen als Erster ins Büro des Übungsunternehmens, schaltete die Kaffeemaschine ein und sortierte die Post, bevor jemand danach fragte. Wenn eine Kollegin eine Rechnung nicht fand, suchte er sie, ohne ein Wort zu verlieren. In den Teambesprechungen meldete er sich selten. Als die Lehrerin fragte, wer die Präsentation vor der Klasse halten wolle, sah er auf seine Hände. Später, als Mia mit ihrer Präsentation ins Stocken geriet, reichte er ihr wortlos die Zahl, die sie suchte. „Danke“, flüsterte sie. Jonas wurde rot und tat, als müsse er dringend etwas notieren.
2. Merkmale sammeln: direkt und indirekt
Informationen über eine Figur gewinnst du auf zwei Wegen. Bei der direkten Charakterisierung werden Eigenschaften ausdrücklich genannt, etwa durch den Erzähler oder andere Figuren: „Jonas war schüchtern.“ Bei der indirekten Charakterisierung musst du die Eigenschaften aus Verhalten, Sprache, Gedanken und Beziehungen erschließen. Literarische Texte arbeiten überwiegend indirekt, wie auch der Mustertext.
Damit du nichts übersiehst, sammelst du Merkmale in diesen Bereichen:
| Bereich | Leitfrage | Beobachtung im Mustertext |
|---|---|---|
| äußere Merkmale und Lebensumstände | Wer ist die Figur, in welcher Lage befindet sie sich? | Jonas arbeitet im Übungsunternehmen. |
| Verhalten | Was tut die Figur, wie reagiert sie? | kommt als Erster, sortiert die Post, sucht Rechnungen |
| Sprache | Wie und wie viel spricht sie? | meldet sich selten, hilft wortlos |
| Gefühle und Gedanken | Was empfindet sie? | wird rot, weicht Blicken aus |
| Beziehungen | Wie steht sie zu anderen? | hilfsbereit gegenüber Kolleginnen, hilft Mia |
3. Textbelege richtig einsetzen
Jede Aussage über die Figur stützt du mit einem Textbeleg. Das kann ein wörtliches Zitat in Anführungszeichen sein oder ein Verweis auf eine Stelle, die du mit eigenen Worten wiedergibst. Bei längeren Texten gibst du dazu Seite oder Zeile an. Die Regeln dafür kennst du von der Seite zur Zitierweise.
Bewährt hat sich der Dreischritt aus Behauptung, Beleg und Erläuterung: „Jonas ist zuverlässig und übernimmt Aufgaben, bevor man ihn darum bittet (Behauptung). Er sortiert die Post, ‚bevor jemand danach fragte‘ (Beleg). Er sieht also, was zu tun ist, und erledigt es selbstverständlich (Erläuterung).“
Wörtliche Zitate setzt du sparsam ein: Ein kurzes Zitat, das genau die entscheidende Stelle trifft, überzeugt mehr als ein langer Abschnitt. Längere Stellen gibst du besser mit eigenen Worten wieder und verweist auf die Zeile.
Achte darauf, dass Behauptung und Beleg wirklich zusammenpassen. Ein Beleg dafür, dass Jonas selten spricht, beweist noch nicht, dass er unfreundlich ist. Gerade bei indirekter Charakterisierung ist es wichtig, nicht mehr in eine Textstelle hineinzulesen, als sie hergibt.
4. Der Aufbau einer Charakterisierung
Eine Charakterisierung hat drei Teile. In der Einleitung nennst du Titel, Textsorte und gegebenenfalls Autorin oder Autor und stellst die Figur mit ihrer Rolle in der Handlung kurz vor. Im Hauptteil stellst du die Merkmale geordnet dar, zum Beispiel von äußeren Umständen über Verhalten und Sprache bis zu Gefühlen und Beziehungen. Jede Aussage wird belegt. Im Schluss fasst du die wichtigsten Eigenschaften zusammen und kannst die Figur begründet bewerten. Eine Bewertung könnte zum Beispiel lauten, dass die Figur glaubwürdig wirkt, weil ihr Verhalten in allen Szenen zusammenpasst.
Für die Einleitung zum Mustertext könnte das so aussehen: „In dem kurzen Erzähltext über ein Übungsunternehmen steht der Schüler Jonas im Mittelpunkt, der im Team viel leistet, aber kaum auffallen möchte.“
5. Vom Merkmal zum stimmigen Gesamtbild
In der Abschlussklasse genügt es nicht, Merkmale nebeneinanderzustellen. Du verbindest sie zu einem stimmigen Gesamtbild, das zeigt, wie die Eigenschaften zusammenhängen. Dabei helfen drei Fragen.
Welche Eigenschaften gehören zusammen? Jonas‘ Zuverlässigkeit und seine Zurückhaltung lassen sich verbinden: Er zeigt seine Stärken durch Handeln, nicht durch Worte.
Gibt es scheinbare Widersprüche? Jonas meidet die Präsentation, hilft Mia aber mitten in ihrer. Das ist kein Widerspruch, sondern zeigt: Er scheut die Aufmerksamkeit, nicht die Verantwortung.
Verändert sich die Figur? Im Mustertext deutet sich eine Entwicklung nur an. Dass Mia sich bedankt und Jonas rot wird, zeigt, dass ihn Anerkennung zugleich freut und verunsichert. Bei längeren Texten verfolgst du solche Veränderungen über mehrere Stellen hinweg.
Wichtig ist, dass das Gesamtbild nicht mehr behauptet, als die Belege tragen. Wenn ein Text eine Figur nur in wenigen Situationen zeigt, formulierst du vorsichtiger, etwa mit „wirkt“ oder „scheint“. Wenn eine Eigenschaft an vielen Stellen sichtbar wird, kannst du sie bestimmt aussprechen.
Ein Gesamtbild könnte lauten: „Jonas ist ein zurückhaltender, aber verlässlicher Teamkollege, der Verantwortung lieber still übernimmt, als im Mittelpunkt zu stehen.“
So hilft dir KI – und wo du selbst prüfen musst
Ein KI-Werkzeug kann dir helfen, Merkmalsbereiche zu sammeln oder deine Gliederung zu überprüfen, in Klasse 9 mit Anleitung, in der Abschlussklasse zunehmend selbständig. Bei Textbelegen ist besondere Vorsicht nötig.
| Vorschlag eines KI-Werkzeugs | Was du selbst prüfst | Warum |
|---|---|---|
| Zitat: „Jonas sagte: Ich mache das gern.“ | Steht dieser Satz im Text? | Fehlerhaft: Das Zitat ist erfunden; Jonas spricht im Mustertext gar nicht. |
| „Jonas ist unfreundlich, weil er schweigt.“ | Passt die Deutung zu allen Belegen? | Seine Hilfsbereitschaft widerspricht ihr. |
| Gliederung nach Merkmalsbereichen | Folgt sie Einleitung, Hauptteil, Schluss? | Eine Gliederung hilft beim Ordnen. |
| Eigenschaftswort „introvertiert“ | Passt das Wort, und kannst du es erklären? | Fachwörter nur verwenden, wenn du sie belegen kannst. |
Jedes Zitat, das du verwendest, schlägst du im Text nach. Die Verantwortung für deine Charakterisierung trägst du selbst, und deine Schule legt fest, welche Hilfen erlaubt sind.
So kommt es in der Abschlussprüfung
Für den Teil der Abschlussklasse gilt: Die Deutschprüfung am Ende der Wirtschaftsschule ist schriftlich und zentral gestellt, alle Schulen bekommen dieselben Aufgaben. Die aktuelle Wirtschaftsschulordnung sieht dafür 180 Minuten vor. Wie die Aufgaben aussehen, gibt das Kultusministerium vor. Das Belegen von Aussagen am Text und das Verbinden zu einem Gesamtbild sind Fähigkeiten, die dir bei jeder Arbeit mit literarischen Texten helfen.
Typische Fehler – und wie du sie vermeidest
| Falsch | Richtig | Warum |
|---|---|---|
| Nur das Aussehen beschreiben. | Verhalten, Sprache, Gefühle und Beziehungen einbeziehen. | Eine Charakterisierung zeigt das Wesen der Figur. |
| Die Handlung nacherzählen. | Merkmale geordnet darstellen. | Eine Charakterisierung ist keine Inhaltsangabe. |
| Behauptungen ohne Beleg. | Behauptung, Beleg, Erläuterung. | Jede Aussage muss am Text überprüfbar sein. |
| Im Präteritum schreiben. | Im Präsens schreiben. | Charakterisierungen stehen im Präsens. |
| Merkmale bloß aufzählen. | Zusammenhänge zu einem Gesamtbild verbinden. | Das Gesamtbild zeigt, wie Eigenschaften zusammenwirken. |
✏️ Jetzt selbst üben – im Aufgabengenerator
Erzeuge dir zu diesem Thema beliebig viele Übungsaufgaben mit Lösung – passend zu Deutsch Wirtschaftsschule Bayern und deiner Jahrgangsstufe.
Aufgaben erzeugen →🎮 Live-Quiz für die Klasse
Teste dein Wissen im interaktiven Quiz – mit Sofort-Erklärung nach jeder Frage. Für Lehrkräfte: eigenes Klassen-Quiz starten.
Live-Quiz entdecken →💡 Mehr auf lern.de
Entdecke weitere kostenlose Lernangebote für deine Schulart:
