Testen von Hypothesen

Mathematik FOS/BOS 12 · Bayern · Stochastik (Nichttechnik)

Eine Vermutung über eine Wahrscheinlichkeit lässt sich mit einer Stichprobe prüfen. Beim Signifikanztest legt man vorab fest, bei welchen Ergebnissen man die Ausgangsvermutung verwirft. Wir bauen den Test Schritt für Schritt auf – und zeigen am Ende die beiden gebräuchlichen Schreibweisen für den kritischen Wert, damit Sie sich für Ihre entscheiden können.

Hilfsmittel-Hinweis (Bayern FOS/BOS): Begriffe, Aufstellen der Hypothesen und die Deutung der Fehler gehören in den hilfsmittelfreien Teil. Die kumulierten Wahrscheinlichkeiten für den Ablehnungsbereich holen Sie im Teil mit Hilfsmittel (Tafelwerk oder Taschenrechner, Kumul. Binom.-V.).

1  Grundbegriffe

  • Nullhypothese \(H_0\): die zu prüfende Ausgangsannahme über \(p\) (z. B. \(H_0:\ p\le p_0\)).
  • Gegenhypothese \(H_1\): die Gegenbehauptung (z. B. \(H_1:\ p>p_0\), rechtsseitiger Test).
  • Testgröße \(T\): Anzahl der Treffer in der Stichprobe – unter \(H_0\) binomialverteilt mit \(n\) und \(p_0\).
  • Signifikanzniveau \(\alpha\): obere Schranke für den Fehler 1. Art (\(\alpha’\le\alpha\)).

Zwei Fehlerarten. Man kann sich auf zwei Weisen irren:

\(H_0\) wird abgelehnt \(H_0\) wird beibehalten
\(H_0\) ist wahr Fehler 1. Art (\(\alpha\)) richtige Entscheidung
\(H_0\) ist falsch richtige Entscheidung Fehler 2. Art (\(\beta\))

Merkhilfe: Der Fehler 1. Art ist der „Fehlalarm“ – man verwirft \(H_0\), obwohl sie stimmt.

2  Ablauf eines einseitigen Signifikanztests

  1. Hypothesen \(H_0\) und \(H_1\) aufstellen (rechts- oder linksseitig).
  2. Testgröße \(T\) festlegen; unter \(H_0\) gilt \(T\sim B(n;p_0)\).
  3. Signifikanzniveau \(\alpha\) wählen.
  4. Ablehnungsbereich bestimmen (rechtsseitig: kleinstes \(k\) mit \(P(T\ge k)\le\alpha\)).
  5. Stichprobe auswerten und entscheiden.

3  Beispiel – und die zwei Schreibweisen für \(k\)

Stufe 3-4 · mit HilfsmittelRechtsseitiger Test

Beispiel. Eine Bahn behauptet, höchstens \(10\,\%\) ihrer Züge seien verspätet. Ein Fahrgastverband vermutet mehr. Es werden \(n=100\) Fahrten auf dem \(5\,\%\)-Niveau geprüft.

Schritt 1 – Hypothesen (rechtsseitig, nebeneinander)

Nullhypothese \(H_0\) Gegenhypothese \(H_1\)
\(H_0:\ p\le 0{,}1\) \(H_1:\ p>0{,}1\)
„höchstens \(10\,\%\) verspätet“ „mehr als \(10\,\%\) verspätet“

Schritt 2-3 – Testgröße und Signifikanzniveau

\(T=\) Anzahl verspäteter Züge, unter \(H_0\): \(T\sim B(100;0{,}1)\) \(E(T)=10\)
\(\alpha=0{,}05\)

Schritt 4 – Ablehnungsbereich (kleinstes \(k\) mit \(P(T\ge k)\le 0{,}05\))

\(P(T\ge 15)=1-F_{0{,}1}^{100}(14)=1-0{,}92743=0{,}07257>0{,}05\) reicht nicht
\(P(T\ge 16)=1-F_{0{,}1}^{100}(15)=1-0{,}96011=0{,}03989\le 0{,}05\) erfüllt

Am Taschenrechner (Kumul. Binom.-V.): MENU412  15=100=0,1=  →  0,96011  (für \(F(14)\) entsprechend 140,92743)

0,050,10024681012141618202224Annahmebereich A = {0; …; 15}Ablehnungsbereich = {16; …; 100}Lehrbuch: k=15Skript: k=16Testgroesse T ~ B(100; 0,1) unter H0 (E=10)k
Dieselbe Verteilung, ein Schnitt: der Ablehnungsbereich \(\{16;\dots;100\}\) ist eindeutig – nur die Zahl hinter „\(k=\)“ wird unterschiedlich benannt.

Variante ALehrbuch: \(k\) ist die kritische Zahl (letzter Wert im Annahmebereich).

  • \(k=15\); Annahmebereich \(A=\{0;\dots;15\}\), Ablehnungsbereich \(\overline{A}=\{16;\dots;100\}\).
  • Entscheidungsregel: \(H_0\) ablehnen, wenn \(T\ge k+1=16\).

Variante BUnser Skript: \(k\) liegt im Ablehnungsbereich (erster verworfener Wert).

  • \(k=16\); Ablehnungsbereich \(\overline{A}=\{16;\dots;100\}\).
  • Entscheidungsregel: \(H_0\) ablehnen, wenn \(T\ge k=16\).
Direkter Vergleich: Der Ablehnungsbereich ist in beiden Varianten dieselbe Menge \(\{16;\dots;100\}\). Nur die Zahl hinter „\(k=\)“ unterscheidet sich um \(1\) (Lehrbuch \(15\), Skript \(16\)). Das „Off-by-one“ steckt bei B im Nachschlagen (\(P(T\le k-1)\)), bei A in der Regel (\(+1\)). Beide sind zulässig – nehmen Sie die Schreibweise, mit der Sie sicherer rechnen. In amtlichen Lösungen taucht meist die Lehrbuch-Zählung auf.
Schritt 5 – Entscheidung

Der Fehler 1. Art beträgt hier \(\alpha’=P(T\ge 16)=0{,}03989\approx 3{,}99\,\%\ (\le 5\,\%)\). Ergibt die Stichprobe z. B. \(18\) verspätete Züge, so ist \(18\ge 16\): \(H_0\) wird abgelehnt – die Vermutung des Fahrgastverbands ist auf dem \(5\,\%\)-Niveau signifikant gestützt. Bei \(14\) verspäteten Zügen (\(<16\)) wird \(H_0\) beibehalten.

4  Der linksseitige Test

Bei einer „mindestens“-Behauptung liegt der Ablehnungsbereich links: man verwirft \(H_0\), wenn die Trefferzahl zu klein ist. Gesucht ist das größte \(k\) mit \(P(T\le k)=F_{p_0}^{n}(k)\le\alpha\).

Stufe 3-4 · mit HilfsmittelBeispiel

Beispiel. Eine Gärtnerei verspricht, dass mindestens \(80\,\%\) der Setzlinge anwachsen. Ein Kunde vermutet weniger. Es werden \(n=50\) Setzlinge auf dem \(5\,\%\)-Niveau geprüft.

Schritt 1 – Hypothesen (linksseitig, nebeneinander)

Nullhypothese \(H_0\) Gegenhypothese \(H_1\)
\(H_0:\ p\ge 0{,}8\) \(H_1:\ p<0{,}8\)
„mindestens \(80\,\%\) wachsen an“ „weniger als \(80\,\%\) wachsen an“

Schritt 2-3 – Testgröße und Niveau

\(T=\) Anzahl angewachsener Setzlinge, unter \(H_0\): \(T\sim B(50;0{,}8)\) \(E(T)=40\)
\(\alpha=0{,}05\)

Schritt 4 – Ablehnungsbereich (größtes \(k\) mit \(P(T\le k)\le 0{,}05\))

\(P(T\le 35)=F_{0{,}8}^{50}(35)=0{,}06072>0{,}05\) zu groß
\(P(T\le 34)=F_{0{,}8}^{50}(34)=0{,}03080\le 0{,}05\) erfüllt

Am Taschenrechner (Kumul. Binom.-V.): MENU412  34=50=0,8=  →  0,03080  (für \(F(35)\) mit 350,06072)

0,050,100,15283032343638404244464850Ablehnungsbereich = {0; …; 34}Annahmebereich A = {35; …; 50}Skript: k=34Lehrbuch: k=35Testgroesse T ~ B(50; 0,8) unter H0 (E=40) – linksseitigk
Linksseitig: der Ablehnungsbereich \(\{0;\dots;34\}\) liegt links; erneut ein Schnitt mit zwei Etiketten.

Beide Schreibweisen (analog zum rechtsseitigen Fall): Lehrbuch \(k=35\) (erster Annahmewert), Regel \(H_0\) ablehnen wenn \(T\le 34\); Skript \(k=34\) (im Ablehnungsbereich), Regel \(T\le k=34\). Ablehnungsbereich beide Male \(\{0;\dots;34\}\).

Schritt 5 – Entscheidung

Der Fehler 1. Art beträgt \(\alpha’=F_{0{,}8}^{50}(34)=0{,}03080\approx 3{,}08\,\%\ (\le 5\,\%)\). Wachsen z. B. nur \(33\) Setzlinge an (\(33\le 34\)), wird \(H_0\) abgelehnt; bei \(37\) angewachsenen (\(>34\)) wird \(H_0\) beibehalten.

5  Fehlerarten im Sachzusammenhang

Am Beispiel bedeuten die Fehler konkret:

  • Fehler 1. Art: Man wirft \(H_0\) fälschlich weg – man „bestätigt“ mehr Verspätungen, obwohl es tatsächlich nur \(10\,\%\) sind.
  • Fehler 2. Art: Man behält \(H_0\) bei, obwohl die Verspätungsquote in Wahrheit höher als \(10\,\%\) liegt.
Ein- oder zweiseitig? „mehr als“ / „höher“ \(\Rightarrow\) rechtsseitig (\(H_1:\ p>p_0\)); „weniger als“ / „geringer“ \(\Rightarrow\) linksseitig (\(H_1:\ p

Typische Fehler in der Prüfung

✗ Falsch

Die beiden \(k\)-Schreibweisen mischen (mal Annahme-, mal Ablehnungsgrenze).

✓ Richtig

Innerhalb einer Lösung eine Konvention konsequent verwenden – der Ablehnungsbereich als Menge bleibt gleich.

✗ Falsch

\(P(T\ge k)\) als \(1-F(k)\) berechnen.

✓ Richtig

\(P(T\ge k)=1-P(T\le k-1)=1-F_{p}^{n}(k-1)\) – auf \(k-1\) achten.

✗ Falsch

\(\alpha’=\alpha\) setzen.

✓ Richtig

Das tatsächliche Signifikanzniveau ist meist \(\alpha‘<\alpha\); \(\alpha\) ist nur die obere Schranke.

✗ Falsch

Fehler 1. und 2. Art vertauschen.

✓ Richtig

Fehler 1. Art: \(H_0\) zu Unrecht abgelehnt (Fehlalarm). Fehler 2. Art: \(H_0\) zu Unrecht beibehalten.

Auf einen Blick

  • Aufbau: \(H_0/H_1\) → \(T\sim B(n;p_0)\) → \(\alpha\) → Ablehnungsbereich → Entscheidung.
  • Rechtsseitig: kleinstes \(k\) mit \(P(T\ge k)=1-F_{p_0}^{n}(k-1)\le\alpha\).
  • Zwei Schreibweisen: Lehrbuch \(k=\) letzter Annahmewert; Skript \(k=\) erster Ablehnungswert – gleiche Menge.
  • Fehler 1. Art (Fehlalarm, \(\alpha\)) und Fehler 2. Art (\(\beta\)) nicht verwechseln.

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