Mathematik FOS/BOS Bayern · 11. Klasse · Stochastik (Nichttechnik) · BY

Zufallsexperiment und Ereignis

Wird eine Münze geworfen oder ein Würfel gerollt, kennt man zwar alle möglichen Ausgänge, aber nicht das Ergebnis im Voraus – das ist ein Zufallsexperiment. Diese Seite legt die Grundbegriffe der Stochastik: Ergebnis, Ergebnisraum und Mächtigkeit, mehrstufige Experimente mit Baumdiagramm sowie die Verknüpfung von Ereignissen (Vereinigung, Schnitt, Gegenereignis) – die Grundlage für alle folgenden Wahrscheinlichkeitsrechnungen.

1. Ergebnis, Ergebnisraum und Mächtigkeit

Ein Experiment, dessen Ausgang nicht vorhersagbar ist (obwohl man die möglichen Ausgänge kennt), heißt Zufallsexperiment.

💡 Die Grundbegriffe

  • Jeder mögliche Ausgang heißt Ergebnis (ein einzelnes \( \omega \), „klein-Omega“).
  • Die Menge aller Ergebnisse heißt Ergebnisraum \( \Omega \) („groß-Omega“), auch Ergebnismenge.
  • Die Anzahl der Ergebnisse heißt Mächtigkeit, geschrieben \( |\Omega| \).

✎ Einfacher Münzwurf.

Eine Münze zeigt entweder Wappen (W) oder Zahl (Z). Der Ergebnisraum und seine Mächtigkeit:

\[\Omega=\{W;\,Z\} \qquad |\Omega|=2\]

✎ Einfacher Würfelwurf.

\[\Omega=\{1;\,2;\,3;\,4;\,5;\,6\} \qquad |\Omega|=6\]

Dieser Ergebnisraum enthält alle unterscheidbaren Ergebnisse – man nennt ihn feinsten Ergebnisraum. Interessiert nur, ob eine 6 fällt oder nicht, kann man ihn vergröbern: \( \Omega_1=\{\text{6}; \text{keine 6}\} \) mit \( |\Omega_1|=2 \).

2. Mehrstufige Experimente und das Baumdiagramm

Der einfache Münzwurf ist ein einstufiges Zufallsexperiment. Wird ein Experiment mehrfach wiederholt (oder mehrere hintereinander ausgeführt), spricht man von einem mehrstufigen Zufallsexperiment. Es lässt sich anschaulich als Baumdiagramm darstellen.

✎ Zweifacher Münzwurf.

Jeder Wurf hat zwei Möglichkeiten (W oder Z). Im Baumdiagramm zeigt jede Stufe einen Wurf:

WZWZWZ

Baumdiagramm zum zweifachen Münzwurf: 1. Stufe = 1. Wurf, 2. Stufe = 2. Wurf. Die Pfadenden sind die Ergebnisse.

Die Enden der Pfade sind alle möglichen Ergebnisse. Damit die Reihenfolge zählt, schreibt man sie als geordnete Paare (Tupel):

\[\Omega=\{(W;W);\,(W;Z);\,(Z;W);\,(Z;Z)\} \qquad |\Omega|=4\]

Wichtig: Bei Tupeln zählt die Reihenfolge, also \( (W;Z)\neq(Z;W) \). Bei Mengen dagegen gilt \( \{W;Z\}=\{Z;W\} \).

3. Ereignisse

💡 Ereignis

Ein Ereignis \( E \) ist eine Teilmenge des Ergebnisraums \( \Omega \) – also eine Zusammenfassung von Ergebnissen. Ein Ereignis tritt ein, wenn eines seiner Ergebnisse eintritt.

  • Das sichere Ereignis ist \( \Omega \) selbst (tritt immer ein).
  • Das unmögliche Ereignis ist die leere Menge \( \{\} \) (tritt nie ein).
  • Ein Ereignis mit nur einem Ergebnis heißt Elementarereignis.

✎ Würfelwurf: Ereignis „gerade Zahl“.

Das Ereignis \( E=\text{„gerade Zahl“} \) fasst die Ergebnisse 2, 4 und 6 zusammen:

\[E=\{2;\,4;\,6\} \subseteq \Omega\]

4. Verknüpfung von Ereignissen

Aus zwei Ereignissen \( A \) und \( B \) bildet man neue Ereignisse. Man veranschaulicht sie mit Venn-Diagrammen (die Rechtecke stellen \( \Omega \) dar, die Kreise die Ereignisse):

Vereinigung: A oder B

Die Vereinigung \( A\cup B \) (gelesen „A vereinigt B“) tritt ein, wenn mindestens eines der beiden Ereignisse eintritt (A oder B oder beide).

ΩAB

A ∪ B: alles, was in A oder in B (oder beidem) liegt.

Schnitt: A und B

Der Schnitt \( A\cap B \) (gelesen „A geschnitten B“) tritt ein, wenn beide Ereignisse gleichzeitig eintreten.

ΩAB

A ∩ B: nur der Überlappungsbereich — was in A und in B liegt.

Differenz: A ohne B

Die Differenz \( A\setminus B \) (gelesen „A ohne B“) tritt ein, wenn \( A \) eintritt, aber \( B \) nicht. Sie enthält alle Ergebnisse, die in \( A \), aber nicht in \( B \) liegen. Es gilt \( A\setminus B = A\cap\overline{B} \).

ΩAB

A \ B (A ohne B): der Teil von A, der nicht zu B gehört.

Gegenereignis: nicht A

Das Gegenereignis (Komplement) \( \overline{A} \) tritt ein, wenn \( A \) nicht eintritt. Es enthält alle Ergebnisse aus \( \Omega \), die nicht in \( A \) sind.

ΩAB

Ā (nicht A): alles in Ω außerhalb von A.

💡 Wichtige Beziehung

Ein Ereignis und sein Gegenereignis ergänzen sich zum sicheren Ereignis. Für die Wahrscheinlichkeiten gilt daher:

\[ P(\overline{A})=1-P(A) \]

Das ist besonders praktisch bei „mindestens ein“-Aufgaben.

5. Die Regeln von De Morgan

Die beiden De-Morganschen Regeln beschreiben, wie sich das Gegenereignis auf Verknüpfungen auswirkt:

💡 De-Morgansche Regeln

\[ \overline{A\cup B}=\overline{A}\cap\overline{B} \qquad \overline{A\cap B}=\overline{A}\cup\overline{B} \]

In Worten: „Nicht (A oder B)“ ist dasselbe wie „nicht A und nicht B“. Und: „Nicht (A und B)“ ist „nicht A oder nicht B“.

Beispiel mit konkreten Mengen. Beim Würfelwurf sei \( E_1=\{1;2\} \) und \( E_2=\{2;3\} \) (also \( \overline{E_1}=\{3;4;5;6\} \), \( \overline{E_2}=\{1;4;5;6\} \)). Dann gilt:

\[ \overline{E_1\cap E_2}=\overline{E_1}\cup\overline{E_2}=\{3;4;5;6\}\cup\{1;4;5;6\}=\{1;3;4;5;6\} \]\[ \overline{E_1\cup E_2}=\overline{E_1}\cap\overline{E_2}=\{3;4;5;6\}\cap\{1;4;5;6\}=\{4;5;6\} \]

6. Typische Fehler

✗ Falsch

Ergebnis und Ereignis verwechselt.

✓ Richtig

Ein Ergebnis ist ein einzelner Ausgang (\( \omega \)). Ein Ereignis ist eine Menge von Ergebnissen (Teilmenge von \( \Omega \)).

✗ Falsch

Bei mehrstufigen Experimenten die Reihenfolge ignoriert.

✓ Richtig

Ergebnisse mehrstufiger Experimente sind geordnete Paare: \( (W;Z)\neq(Z;W) \). Die Reihenfolge zählt.

✗ Falsch

Vereinigung (oder) und Schnitt (und) vertauscht.

✓ Richtig

\( \cup \) = „oder“ (mindestens eins), \( \cap \) = „und“ (beide gleichzeitig).

7. Üben

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