Betriebswirtschaftslehre · FOS Bayern · Jahrgangsstufe 13 · neuer LehrplanPLUS

gültig ab 2028/29BWL 13 NEULernbereich 140 UE

Alle Inhalte dieser Seite folgen dem offiziellen LehrplanPLUS Bayern.

Den Jahresabschluss analysieren und Finanzierungs- und Investitionsentscheidungen treffen

40 Unterrichtsstunden bedeuten hier bewusst kein Kurzskript. Der Lernbereich wird als zusammenhängende unternehmerische Entscheidungssituation aufgebaut: von der Strukturbilanz über Kennzahlen und strategische Finanzanalyse bis zu Leasing, Factoring, Kapitalwertmethode, Risikoanalyse und begründeter Investitionsentscheidung.

NEU gegenüber ALT: Keine Differenzierung der Leasingarten und kein Lohmann-Ruchti-Kapazitätserweiterungseffekt mehr. Dafür wird die Kapitalwertentscheidung ausdrücklich um Risikoaspekte erweitert: Unsicherheit der Ein-/Auszahlungen, Veränderung des Kalkulationszinssatzes sowie nicht quantifizierbare Einflussgrößen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Vom Jahresabschluss zur strategischen Finanzentscheidung
  2. Strukturbilanz nach vollständiger Ergebnisverwendung
  3. Durchgehender Datensatz der UNTERNEHMER AG
  4. Bilanzkennzahlen: Vermögens- und Kapitalstruktur
  5. Anlagendeckung und Fristenkongruenz
  6. Working Capital – langfristige Finanzierung des Umlaufvermögens
  7. Liquiditätsgrade 1 bis 3
  8. Eigen- und Gesamtkapitalrentabilität
  9. Leverage-Effekt – Chance und Risiko der Verschuldung
  10. Umsatzrentabilität, Kapitalumschlag und ROI
  11. Cashflow und dynamischer Verschuldungsgrad
  12. EBIT und operative Ertragskraft
  13. Kennzahlenvergleich: Norm, Branche und Zeit
  14. Integrierte Jahresabschlussanalyse
  15. Finanzwirtschaftliche Ziele und Zielkonflikte
  16. Leasing als Finanzierungssurrogat
  17. Leasing oder Kreditfinanzierung?
  18. Factoring: Forderungen werden zu Liquidität
  19. Factoring – Bilanzverkürzung und Erfolgswirkung
  20. Leasing und Factoring aus Stakeholdersicht beurteilen
  21. Statische Investitionsverfahren als Vergleichsbasis
  22. Zeitwert des Geldes: Warum 100.000 € heute nicht 100.000 € in fünf Jahren sind
  23. Kapitalwertmethode – vollständiger Rechengang
  24. Kapitalwert der UNTERNEHMER AG Schritt für Schritt
  25. Statisch versus dynamisch – warum Ergebnisse auseinanderfallen können
  26. Risiko I: Unsicherheit der Ein- und Auszahlungen
  27. Risiko II: Veränderung des Kalkulationszinssatzes
  28. Sensitivitätsanalyse mit drei Zinssätzen
  29. Nicht quantifizierbare Einflussgrößen
  30. Entscheidungsmatrix für die Investition
  31. Großfall: Vorstandsvorlage der UNTERNEHMER AG
  32. Operatoren: Was eine hochwertige Prüfungsantwort unterscheidet
  33. Typische Fehler – und warum sie fachlich problematisch sind
  34. Prüfungstraining – vom Einzelbaustein zur 40-UE-Kompetenz
  35. Der gesamte Lernbereich auf einen Blick

1. Vom Jahresabschluss zur strategischen Finanzentscheidung

Dieser 40-Stunden-Lernbereich verbindet drei Ebenen, die häufig fälschlich getrennt gelernt werden: Jahresabschlussanalyse, Finanzierungsentscheidung und Investitionsentscheidung. Bei der UNTERNEHMER AG entsteht deshalb ein durchgehender Fall: Zuerst wird die finanzielle Ausgangslage analysiert. Danach werden Leasing und Factoring beurteilt. Erst auf dieser Grundlage wird eine Investition mithilfe statischer Verfahren und der Kapitalwertmethode geprüft.

Didaktischer roter Faden: Daten aufbereiten → Kennzahlen berechnen → vergleichen → kritisch interpretieren → finanzwirtschaftliche Ziele ableiten → Finanzierungssurrogate beurteilen → Investition rechnen → Risiko variieren → qualitative Faktoren integrieren → Entscheidung begründen.

2. Strukturbilanz nach vollständiger Ergebnisverwendung

Ausgangspunkt ist nicht die ungefilterte Handelsbilanz, sondern eine analysegerechte Strukturbilanz nach vollständiger Ergebnisverwendung. Positionen werden nach wirtschaftlicher Funktion und Fristigkeit zusammengefasst. Dadurch erhalten alle späteren Kennzahlen eine einheitliche Datenbasis.

AnlagevermögenUmlaufvermögenEigenkapitallangfristiges Fremdkapitalkurzfristiges Fremdkapital
Prüfungsfalle: Kennzahlen dürfen nicht aus unterschiedlich aufbereiteten Bilanzwerten zusammengemischt werden. Zuerst Struktur herstellen, dann rechnen.

3. Durchgehender Datensatz der UNTERNEHMER AG

Aktiva Mio. € Passiva Mio. €
Anlagevermögen 72 Eigenkapital 54
Vorräte 20 langfristiges Fremdkapital 38
Forderungen 18 kurzfristiges Fremdkapital 28
liquide Mittel 10
Gesamtvermögen 120 Gesamtkapital 120

Zusätzlich gelten für Jahr 02: Umsatzerlöse 144 Mio. €, Jahresüberschuss 11,34 Mio. €, Fremdkapitalzinsen 3,0 Mio. €, Cashflow 18 Mio. €, EBIT 18,0 Mio. €. Diese Werte werden bewusst wiederverwendet: So werden Kennzahlen als zusammenhängendes Analysesystem und nicht als Formelsammlung gelernt.

4. Bilanzkennzahlen: Vermögens- und Kapitalstruktur

Anlagequote = AV / GV · 100   |   Umlaufquote = UV / GV · 100
Eigenkapitalquote = EK / GK · 100   |   Fremdkapitalquote = FK / GK · 100
statischer Verschuldungsgrad = FK / EK · 100
Kennzahl Rechnung Ergebnis Aussage
Anlagequote 72/120·100 60,0 % Kapitalbindung im Anlagevermögen
Umlaufquote 48/120·100 40,0 % Anteil des Umlaufvermögens
EK-Quote 54/120·100 45,0 % Eigenfinanzierungsanteil
FK-Quote 66/120·100 55,0 % Fremdfinanzierungsanteil
stat. Verschuldungsgrad 66/54·100 122,2 % FK je 100 € EK

Die Aussage einer Kennzahl hängt von Branche, Geschäftsmodell, Fristigkeit, Risiko und Vergleichsmaßstab ab. „45 % Eigenkapitalquote ist gut“ wäre ohne Vergleich zu pauschal.

5. Anlagendeckung und Fristenkongruenz

Anlagendeckungsgrad I = EK / AV · 100
Anlagendeckungsgrad II = (EK + langfristiges FK) / AV · 100
AD I = 54/72·100 = 75,0 %.
AD II = (54+38)/72·100 = 127,8 %.

Der zweite Deckungsgrad verbindet langfristig gebundenes Vermögen mit langfristig verfügbarem Kapital. Die Kennzahl ist ein Strukturindikator, aber kein Beweis für jederzeitige Zahlungsfähigkeit.

6. Working Capital – langfristige Finanzierung des Umlaufvermögens

Working Capital = Umlaufvermögen − kurzfristiges Fremdkapital
48 − 28 = 20 Mio. €. Dieser Teil des Umlaufvermögens ist rechnerisch langfristig finanziert.
Zusammenhang: Positives Working Capital und ein Anlagendeckungsgrad II über 100 % beschreiben dieselbe Fristigkeitslogik aus unterschiedlichen Blickrichtungen.

7. Liquiditätsgrade 1 bis 3

L1 = liquide Mittel / kurzfr. FK · 100
L2 = (liquide Mittel + kurzfristige Forderungen) / kurzfr. FK · 100
L3 = Umlaufvermögen / kurzfr. FK · 100
Kennzahl Rechnung Ergebnis
L1 10/28·100 35,7 %
L2 (10+18)/28·100 100,0 %
L3 48/28·100 171,4 %
Liquiditätsgrad in %KennzahlL1 35,7 %L2 100 %L3 171,4 %
Liquiditätsgrade sind stichtagsbezogen. Forderungsausfälle, schwer verkäufliche Vorräte oder unmittelbar bevorstehende Zahlungen können die reale Situation verschlechtern.

8. Eigen- und Gesamtkapitalrentabilität

EK-Rentabilität = Jahresüberschuss / EK · 100
GK-Rentabilität = (Jahresüberschuss + Fremdkapitalzinsen) / GK · 100
EK-Rentabilität = 11,34/54·100 = 21,0 %.
GK-Rentabilität = (11,34+3,0)/120·100 = 11,95 %.

Die Gesamtkapitalrentabilität neutralisiert in vereinfachter Form die Finanzierungsstruktur, indem die den Fremdkapitalgebern zufließenden Zinsen wieder zum Ergebnis hinzugerechnet werden.

9. Leverage-Effekt – Chance und Risiko der Verschuldung

Liegt die Gesamtkapitalrentabilität über dem Fremdkapitalzinssatz, kann zusätzliches Fremdkapital die Eigenkapitalrentabilität erhöhen – solange die Annahmen halten. Der Effekt wirkt bei Verschlechterung der Ertragslage jedoch auch in die Gegenrichtung.

rEK = rGK + (rGK − iFK) · FK/EK
Bei rGK=11,95 %, iFK=5,0 % und FK/EK=66/54 ergibt sich modellhaft ein positiver Hebel. Sinkt rGK unter 5 %, wird der Hebel negativ.
Verschuldungsgrad FK/EKEK-Rentabilität in %rGK > iFKrGK < iFK
Keine Verschuldungsempfehlung aus einer Formel: Mit höherem Fremdkapital steigen Zins-, Liquiditäts- und Insolvenzrisiken. Der Leverage-Effekt ist eine Wirkungsanalyse, keine automatische Handlungsregel.

10. Umsatzrentabilität, Kapitalumschlag und ROI

Umsatzrentabilität = Jahresüberschuss / Umsatzerlöse · 100
Kapitalumschlag = Umsatzerlöse / Gesamtkapital
ROI = Umsatzrentabilität · Kapitalumschlag
Umsatzrentabilität = 11,34/144·100 = 7,875 %.
Kapitalumschlag = 144/120 = 1,20.
ROI = 7,875 % · 1,20 = 9,45 %.
ROI 9,45 %Umsatzrentabilität7,875 %Kapitalumschlag1,20

Der ROI kann durch höhere Marge oder effizienteren Kapitaleinsatz steigen. Maßnahmen müssen jedoch auf Nebenwirkungen geprüft werden: Lagerabbau kann Kapital freisetzen, aber die Lieferfähigkeit gefährden.

11. Cashflow und dynamischer Verschuldungsgrad

vereinfachter Cashflow = Jahresüberschuss + nicht zahlungswirksame Aufwendungen − nicht zahlungswirksame Erträge
dynamischer Verschuldungsgrad = Fremdkapital / Cashflow
Cashflow laut Datensatz: 18 Mio. €. Dynamischer Verschuldungsgrad = 66/18 = 3,67 Jahre.

Die „Jahre“ sind eine Modellinterpretation: Sie unterstellt einen konstanten Cashflow und ignoriert andere Mittelverwendungen. Gerade deshalb muss die Kennzahl kritisch interpretiert werden.

12. EBIT und operative Ertragskraft

Das EBIT zeigt das Ergebnis vor Zinsen und Ertragsteuern und erleichtert Vergleiche bei unterschiedlicher Finanzierung. Für die UNTERNEHMER AG beträgt es 18,0 Mio. €.

Abgrenzung: EBIT ist weder Jahresüberschuss noch Cashflow. Jede Größe beantwortet eine andere Analysefrage.

13. Kennzahlenvergleich: Norm, Branche und Zeit

Kennzahl Jahr 01 Jahr 02 Modellbranche Analyse
EK-Quote 42 % 45 % 39 % gestiegen; über Modellbranche
L2 91 % 100 % 105 % verbessert, leicht unter Vergleich
GK-Rentabilität 10,8 % 11,95 % 10,5 % positive Entwicklung
dyn. Verschuldungsgrad 4,4 J. 3,67 J. 4,0 J. rechnerische Entschuldungsdauer sinkt
Die Branchenwerte sind Unterrichtsdaten. Reale Vergleichswerte müssen aktuell, branchengleich und methodisch kompatibel recherchiert werden.

14. Integrierte Jahresabschlussanalyse

Eine professionelle Analyse folgt keinem „Kennzahlenfriedhof“, sondern bündelt Befunde.

Analysefeld Kennzahlen Leitfrage
Kapitalstruktur EK-/FK-Quote, stat. Verschuldungsgrad Wie robust ist die Finanzierung?
Fristenstruktur AD I/II, Working Capital Passt Kapitaldauer zur Vermögensbindung?
Liquidität L1–L3, Cashflow Wie belastbar ist Zahlungsfähigkeit?
Ertragskraft Rentabilitäten, ROI, EBIT Wie erfolgreich wird Kapital eingesetzt?
Entschuldung Cashflow, dyn. Verschuldungsgrad Wie tragfähig ist das Fremdkapital?
Vier-Stufen-Schema: 1 Berechnen. 2 Vergleichen. 3 Ursachen/Wirkungen erklären. 4 Maßnahme unter Zielkonflikten beurteilen.

15. Finanzwirtschaftliche Ziele und Zielkonflikte

Finanzentscheidungen bewegen sich zwischen Rentabilität, Liquidität, Sicherheit und Unabhängigkeit. Eine Maßnahme kann ein Ziel verbessern und ein anderes verschlechtern.

Finanz-entscheidungRentabilitätLiquiditätSicherheitUnabhängigkeit

16. Leasing als Finanzierungssurrogat

Beim Leasing erhält die UNTERNEHMER AG die Nutzungsmöglichkeit eines Investitionsguts gegen Leasingraten. Im neuen BWL-13-Lehrplan wird keine Differenzierung verschiedener Leasingarten mehr verlangt. Für den Lernbereich entscheidend sind Finanzierungseffekt, Liquiditätsbelastung, Gesamtaufwand und die Bilanzierung nur beim Leasinggeber.

Maschine: Kaufpreis 600.000 €. Alternative A: Kreditkauf. Alternative B: Leasing mit 60 Monatsraten zu 11.200 € und einmaliger Sonderzahlung 30.000 €. Nominaler Leasingaufwand über die Nutzungsdauer: 60·11.200+30.000 = 702.000 €.

Ein bloßer Vergleich „702.000 € versus 600.000 €“ wäre unzureichend: Beim Kredit sind Zinsen, Tilgungsstruktur, Restwert, Steuer-/Bilanzwirkungen und Zahlungszeitpunkte einzubeziehen, soweit die Aufgabe sie vorgibt.

17. Leasing oder Kreditfinanzierung?

Kriterium Leasing Kreditfinanzierter Kauf
Anfangsliquidität oft geringere unmittelbare Auszahlung Eigenanteil/Nebenkosten möglich
laufende Belastung Leasingraten Zins und Tilgung
Eigentum beim Leasinggeber Unternehmen erwirbt Eigentum
Gesamtaufwand Raten + vereinbarte Zahlungen Kaufpreis + Finanzierungskosten
Flexibilität vertraglich zu prüfen Verfügung über eigenes Gut
Eine Entscheidung darf nicht mit „Leasing schont immer die Liquidität“ enden. Die zeitliche Verteilung der Zahlungen und die gesamte Nutzungsdauer sind zu analysieren.

18. Factoring: Forderungen werden zu Liquidität

Beim Factoring verkauft das Unternehmen Forderungen aus Lieferungen und Leistungen an einen Factor. Lehrplanrelevant sind insbesondere Finanzierungs-, Delkredere- und Dienstleistungsfunktion sowie die Wirkung auf Bilanzstruktur und Erfolg.

UNTERNEHMER AGFactorKundeForderungLiquiditätZahlung

19. Factoring – Bilanzverkürzung und Erfolgswirkung

Forderungen 1,0 Mio. € werden verkauft. Der Factor behält Gebühren von 20.000 € ein und zahlt 980.000 €. Werden die 980.000 € anschließend vollständig zur Tilgung kurzfristiger Verbindlichkeiten verwendet, sinken Forderungen und kurzfristiges Fremdkapital; die Bilanzsumme verkürzt sich. Die Gebühr belastet den Unternehmenserfolg.
Wirkung Mechanismus
Liquidität frühere Umwandlung von Forderungen in Zahlungsmittel
Bilanzstruktur bei Schuldentilgung Bilanzverkürzung, mögliche Kennzahlenwirkung
Erfolg Factoringkosten mindern Ergebnis
Risiko bei Delkrederefunktion Übernahme des Ausfallrisikos durch Factor
Administration Dienstleistungsfunktion kann Debitorenmanagement entlasten

20. Leasing und Factoring aus Stakeholdersicht beurteilen

Der Lehrplan verlangt ausdrücklich eine Diskussion unter Einbezug relevanter Anspruchsgruppen. Kreditgeber achten auf Verschuldung und Kapitaldienst, Eigentümer auf Rentabilität und Risiko, Management auf Liquidität/Flexibilität, Kunden auf stabile Lieferfähigkeit und Beschäftigte auf Investitions- und Standortsicherheit.

Entscheidungsauftrag: Beurteile nicht „Leasing gut/schlecht“ oder „Factoring gut/schlecht“, sondern prüfe die konkrete Maßnahme anhand der zuvor ermittelten Bilanz- und Erfolgskennzahlen sowie der finanzwirtschaftlichen Ziele.

21. Statische Investitionsverfahren als Vergleichsbasis

Aus Jahrgangsstufe 12 werden statische Verfahren wieder aufgegriffen: Kosten-, Gewinn-, Rentabilitäts- und Amortisationsvergleich. Sie arbeiten typischerweise mit Durchschnittsgrößen und sind leicht handhabbar, berücksichtigen den Zeitwert des Geldes aber nicht angemessen.

Verfahren Leitfrage Grenze
Kostenvergleich Welche Alternative verursacht geringere Periodenkosten? Ertragsseite fehlt
Gewinnvergleich Welche erzielt höheren Periodengewinn? Zahlungszeitpunkte fehlen
Rentabilitätsvergleich Welche verzinst Kapital besser? Durchschnittsbetrachtung
Amortisation Wie schnell fließt Kapital zurück? Zahlungen nach Rückflusszeitpunkt schwach berücksichtigt

22. Zeitwert des Geldes: Warum 100.000 € heute nicht 100.000 € in fünf Jahren sind

Kapital kann verzinst werden und zukünftige Zahlungen sind unsicher. Deshalb werden Zahlungen verschiedener Zeitpunkte auf einen gemeinsamen Zeitpunkt – regelmäßig t=0 – abgezinst.

Barwert = zukünftige Zahlung / (1+i)t
Abzinsungsfaktor = (1+i)−t
100.000 € in drei Jahren bei 6 % Kalkulationszins: 100.000/(1,06³) ≈ 83.962 €.
t=0t=1t=2t=3t=4abzinsen auf t=0

23. Kapitalwertmethode – vollständiger Rechengang

C₀ = −A₀ + Σ[(Eₜ−Aₜ)/(1+i)ᵗ] + Rₙ/(1+i)ⁿ

C₀ > 0: Die Investition erwirtschaftet unter den Modellannahmen mehr als die geforderte Mindestverzinsung. C₀ = 0: Mindestverzinsung wird gerade erreicht. C₀ < 0: Mindestverzinsung wird nicht erreicht.

UNTERNEHMER AG prüft eine Anlage mit Anschaffungsauszahlung 500.000 €, jährlichen Nettozahlungsüberschüssen von 145.000 €, 155.000 €, 165.000 € und 175.000 € sowie 40.000 € Restzahlung im Jahr 4. Kalkulationszins: 6 %.

24. Kapitalwert der UNTERNEHMER AG Schritt für Schritt

Jahr Nettozahlung Abzinsungsfaktor 6 % Barwert
1 145,000 € 0.9434 136,792.45 €
2 155,000 € 0.8900 137,949.45 €
3 165,000 € 0.8396 138,537.18 €
4 215,000 € 0.7921 170,300.14 €
Summe Barwerte 583.579,22 €
− Anschaffungsauszahlung 500,000.00 €
Kapitalwert 83.579,22 €

Der positive Kapitalwert spricht unter den gegebenen Zahlungsannahmen und bei 6 % Mindestverzinsung für die Investition. Das ist noch keine endgültige Entscheidung: Im neuen Lehrplan müssen Risikoaspekte und nicht quantifizierbare Einflussgrößen ausdrücklich berücksichtigt werden.

25. Statisch versus dynamisch – warum Ergebnisse auseinanderfallen können

Eine Investition kann statisch attraktiv erscheinen und dynamisch schwächer abschneiden, wenn hohe Rückflüsse erst spät entstehen. Umgekehrt können frühe Einzahlungen einen hohen Barwert erzeugen. Der Vergleich soll deshalb nicht nur Rechenverfahren gegenüberstellen, sondern deren Informationsgehalt erklären.

Merksatz: Statisch = vereinfachte Perioden-/Durchschnittssicht. Dynamisch = Zahlungsreihe + Zeitpunkt + Kalkulationszins.

26. Risiko I: Unsicherheit der Ein- und Auszahlungen

Prognostizierte Zahlungsüberschüsse sind keine sicheren Tatsachen. Absatzmenge, Verkaufspreis, Energie- und Materialkosten, Wartung, Löhne oder Restwert können abweichen. Eine einfache Sensitivitätsanalyse verändert gezielt eine Annahme und beobachtet die Kapitalwertwirkung.

Szenario Annahme Folge
Basis geplante Zahlungsreihe Ausgangskapitalwert
Absatzstress Nettoeinzahlungen −15 % Kapitalwert sinkt
Kostenstress laufende Auszahlungen höher Kapitalwert sinkt
Restwertrisiko Restzahlung entfällt teilweise Barwert sinkt

27. Risiko II: Veränderung des Kalkulationszinssatzes

Ein höherer Kalkulationszins senkt die Barwerte zukünftiger positiver Nettozahlungen. Je weiter eine Zahlung in der Zukunft liegt, desto stärker wirkt die Abzinsung.

Kalkulationszinssatz i in %Kapitalwert C₀ in €C₀ = 0
Die Grafik zeigt den typischen Zusammenhang bei einer konventionellen Zahlungsreihe. Nicht jede denkbare Zahlungsreihe verhält sich gleich; Aufgabenannahmen sind zu prüfen.

28. Sensitivitätsanalyse mit drei Zinssätzen

Für dieselbe Zahlungsreihe der UNTERNEHMER AG kann der Kapitalwert bei verschiedenen Kalkulationszinssätzen berechnet werden. Das zeigt, wie robust die Entscheidung gegenüber einer Änderung der Mindestverzinsung ist.

Zinssatz Kapitalwert Interpretation
4 % 113.196,59 € positiv
6 % 83.579,22 € positiv
8 % 56.160,51 € positiv

Die Entscheidung wird nicht durch das Wort „Risiko“ verbessert, sondern durch eine transparente Variation kritischer Annahmen.

29. Nicht quantifizierbare Einflussgrößen

Dimension Beispiele mögliche Entscheidungsauswirkung
Technologie Zukunftsfähigkeit, Kompatibilität, Know-how Risiko technischer Obsoleszenz
Personal Qualifikationsbedarf, Ergonomie, Beschäftigung Einführungs-/Akzeptanzrisiken
Markt Qualität, Lieferzeit, Flexibilität Wettbewerbsfähigkeit
Umwelt Energie, Emissionen, Ressourcen Kosten, Reputation, Regulierung
Strategie Abhängigkeiten, Skalierbarkeit langfristige Handlungsfreiheit

Diese Faktoren werden nicht künstlich in Euro umgerechnet, wenn keine belastbare Monetarisierung möglich ist. Sie werden transparent beschrieben und in die Begründung integriert.

30. Entscheidungsmatrix für die Investition

Kriterium Ergebnis Bewertung im Fall
statische Verfahren Perioden-/Durchschnittssicht Vergleichsbasis
Kapitalwert positiv bei Basisannahmen wirtschaftlich attraktiv
Zinsrisiko Sensitivität vorhanden Robustheit prüfen
Zahlungsrisiko Absatz/Kosten unsicher Szenarien rechnen
qualitative Faktoren Technologie/Personal/Umwelt strategisch integrieren
Finanzlage Kennzahlen aus JA-Analyse Finanzierbarkeit prüfen

31. Großfall: Vorstandsvorlage der UNTERNEHMER AG

Der Vorstand erwägt eine neue automatisierte Anlage. Gleichzeitig soll das Working Capital verbessert werden. Drei Maßnahmen stehen zur Diskussion: A kreditfinanzierter Kauf, B Leasing, C Factoring bestehender Forderungen und anschließende Finanzierung der Investition aus dem zusätzlichen Liquiditätsspielraum plus Kredit.

  1. Erstelle die Strukturbilanz und berechne die zentralen Bilanz-, Liquiditäts- und Erfolgskennzahlen.
  2. Führe Zeit- und Branchenvergleich durch.
  3. Formuliere strategische Handlungsempfehlungen aus der Finanzanalyse.
  4. Vergleiche Leasing und Kredit nach Liquiditätsbelastung und Gesamtaufwand.
  5. Analysiere Factoringfunktionen sowie Bilanz- und Erfolgswirkung.
  6. Berechne die Investition statisch und dynamisch.
  7. Variiere Zahlungsüberschüsse und Kalkulationszins.
  8. Berücksichtige nicht quantifizierbare Faktoren.
  9. Erstelle eine adressatengerechte Vorstandsempfehlung mit Zielkonflikten.

32. Operatoren: Was eine hochwertige Prüfungsantwort unterscheidet

Operator Erwartung
berechnen Ansatz, Rechenweg, Einheit, Ergebnis
analysieren Strukturen/Zusammenhänge systematisch herausarbeiten
vergleichen gemeinsame Kriterien, Unterschiede/Gemeinsamkeiten
beurteilen Kriterien anwenden und begründetes Sachurteil formulieren
diskutieren mehrere Perspektiven/Zielkonflikte abwägen
entscheiden nachvollziehbare Auswahl auf Basis der Analyse

33. Typische Fehler – und warum sie fachlich problematisch sind

Fehler Korrektur
Kennzahl ohne Vergleich = „gut“ Norm-, Branchen- oder Zeitvergleich
Jahresüberschuss = Liquidität Erfolg und Zahlungsstrom trennen
Leverage = mehr Schulden sind besser Hebelwirkung plus Risiko analysieren
Factoring verbessert automatisch Gewinn Gebühren belasten Ergebnis; Nutzen differenziert prüfen
Leasingarten auswendig lernen im NEU-Lehrplan keine Differenzierung der Leasingarten
Kaufpreis mit Summe Leasingraten vergleichen vollständige vergleichbare Zahlungs-/Aufwandsbasis
Kapitalwert ohne t=0-Auszahlung Anschaffungsauszahlung korrekt berücksichtigen
positive Zahlungen nicht abzinsen Zahlungszeitpunkte konsequent berücksichtigen
positiver C₀ = risikolose Investition Risiko und qualitative Faktoren ergänzen
Lohmann-Ruchti in NEU übernehmen im neuen BWL13-LB1 gestrichen

34. Prüfungstraining – vom Einzelbaustein zur 40-UE-Kompetenz

A1: Erstelle aus einer HGB-Bilanz eine Strukturbilanz nach vollständiger Ergebnisverwendung.
A2: Berechne alle Bilanzkennzahlen und interpretiere sie im Zeitvergleich.
A3: Berechne L1–L3 und kritisiere ihre Aussagekraft.
A4: Berechne EK-/GK-Rentabilität und analysiere den Leverage-Effekt.
A5: Zerlege den ROI in Umsatzrentabilität und Kapitalumschlag und entwickle Maßnahmen.
A6: Ermittle Cashflow, dynamischen Verschuldungsgrad und EBIT.
A7: Entwickle aus fünf Kennzahlen eine strategische Finanzempfehlung.
A8: Vergleiche Leasing und Kredit über Nutzungsdauer und Liquiditätswirkung.
A9: Zeige die Bilanz- und Erfolgswirkung eines Factoringfalls.
A10: Vergleiche statische Investitionsverfahren mit der Kapitalwertmethode.
A11: Berechne Barwerte und Kapitalwert einer mehrperiodigen Zahlungsreihe.
A12: Führe eine Sensitivitätsanalyse für Zahlungsüberschüsse und Zinssatz durch.
A13: Beurteile eine Investition unter Einbezug nicht quantifizierbarer Faktoren.
A14: Löse den integrierten Vorstandsgroßfall als zusammenhängende Entscheidungsvorlage.

35. Der gesamte Lernbereich auf einen Blick

Block Pflichtkern
Jahresabschlussanalyse Strukturbilanz nach vollständiger Ergebnisverwendung; Bilanz-, Liquiditäts- und Erfolgskennzahlen
Finanz-/Ertragskraft EK-/GK-Rentabilität, Leverage, Umsatzrentabilität, Kapitalumschlag, ROI, Cashflow, dyn. Verschuldungsgrad, EBIT
Vergleich Norm-, Branchen-, Zeitvergleich; kritische Auswertung
Strategie Handlungsempfehlungen aus Analyse und finanzwirtschaftlichen Zielen
Leasing Bilanzierung nur Leasinggeber; Kreditvergleich; Liquiditätsbelastung; Gesamtaufwand
Factoring Funktionen; Bilanzstruktur; Erfolg
Investition statisch versus dynamisch; Kapitalwertmethode
Risiko unsichere Ein-/Auszahlungen; veränderter Kalkulationszins; nicht quantifizierbare Größen

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