BWL FOS Bayern · Jahrgangsstufe 12 · Lernbereich 12.2 (LehrplanPLUS, neuer Lehrplan)

Teilkostenrechnung: Entscheidungen vorbereiten und begründen

Die Vollkostenrechnung verteilt alle Kosten auf das Produkt. Für kurzfristige unternehmerische Entscheidungen ist das aber oft irreführend, denn die Fixkosten fallen ohnehin an – egal, ob eine zusätzliche Einheit gefertigt wird oder nicht. Die Teilkostenrechnung trennt deshalb die Kosten in variable und fixe Bestandteile und beantwortet Fragen wie: Ab welcher Menge lohnt sich die Produktion? Soll ein Zusatzauftrag angenommen werden? Eigenfertigung oder Fremdbezug?

Unser Modellunternehmen: die UNTERNEHMER AG. Sie fertigt ein Produkt mit variablen Stückkosten von 60,00 € und Fixkosten von 20.000,00 € im Monat; der Verkaufspreis beträgt 100,00 €. An diesen Zahlen rechnen wir alle Schritte durch.

1. Variable und fixe Kosten trennen

Der Kern der Teilkostenrechnung ist die Aufteilung der Gesamtkosten in zwei Blöcke:

  • Variable Kosten (kvar): steigen mit jeder produzierten Einheit (z. B. Material, Fertigungslöhne). Pro Stück bleiben sie konstant.
  • Fixe Kosten (KF): fallen unabhängig von der Menge an (z. B. Miete, Abschreibungen, Gehalt der Verwaltung). Pro Stück sinken sie mit steigender Menge (Fixkostendegression).
Merke – die Kostenfunktion:

\( K_{ges} = k_{var} \cdot x + K_F \)

Für die UNTERNEHMER AG: \( K_{ges} = 60{,}00 \cdot x + 20.000{,}00 \). Die variablen Stückkosten sind die Steigung, die Fixkosten der Achsenabschnitt.

2. Kosten je Stück – die Fixkostendegression

Diese Tabelle zeigt, wie sich die Kosten bei verschiedenen Produktionsmengen entwickeln. Achten Sie auf die fixen Kosten je Stück: Sie sinken drastisch, während die variablen Stückkosten konstant bleiben.

Menge x Kvar gesamt KF gesamt Kges kvar/St. kfix/St. kges/St.
50 3.000,00 20.000,00 23.000,00 60,00 400,00 460,00
100 6.000,00 20.000,00 26.000,00 60,00 200,00 260,00
250 15.000,00 20.000,00 35.000,00 60,00 80,00 140,00
500 30.000,00 20.000,00 50.000,00 60,00 40,00 100,00
1.000 60.000,00 20.000,00 80.000,00 60,00 20,00 80,00
Beobachtung: Die variablen Stückkosten bleiben konstant bei 60,00 €. Die fixen Stückkosten sinken von 400,00 € (bei 50 St.) auf nur noch 20,00 € (bei 1.000 St.). Dieser Effekt heißt Fixkostendegression: Je mehr Stück gefertigt werden, desto besser verteilen sich die Fixkosten – das Produkt wird pro Stück günstiger.

3. Die Kosten aufteilen – direkt und indirekt

Woher weiß man, welcher Teil der Kosten variabel und welcher fix ist? Dafür gibt es zwei Wege.

Direkte Kostenaufteilung

Man übernimmt die Kostenarten aus der Vollkostenrechnung und teilt jede Position nach ihrem variablen/fixen Anteil auf. Beispiel: Von den Gemeinkosten sind 20 % variabel, 80 % fix.

Musterbeispiel (vereinfacht). Aus der Vollkostenrechnung sind die Selbstkosten je Stück bekannt. Man trennt jede Position:

Kostenart gesamt variabel fix
Fertigungsmaterial 40,00 40,00
Materialgemeinkosten 10,00 2,00 8,00
Fertigungslöhne 15,00 15,00
Fertigungsgemeinkosten 15,00 3,00 12,00
Summe (Selbstkosten) 80,00 60,00 20,00

Die variablen Stückkosten betragen 60,00 €. Bei 1.000 St. ergeben sich fixe Gesamtkosten von 20,00 €/St. · 1.000 St. = 20.000,00 € – also \( K_{ges} = 60{,}00 \cdot x + 20.000{,}00 \).

Indirekte Kostenaufteilung (Hoch-Tief-Methode)

Wenn nur Gesamtkosten aus zwei verschiedenen Beschäftigungsmonaten bekannt sind, ermittelt man die variablen Stückkosten über die Differenz.

Musterbeispiel. April: 26.000,00 € Gesamtkosten bei 100 St. · Mai: 50.000,00 € bei 500 St.

Monat Menge Gesamtkosten
Mai (hoch) 500 50.000,00
April (tief) 100 26.000,00
Differenz 400 24.000,00

Variable Stückkosten: \( k_{var} = \dfrac{24.000{,}00}{400} = 60{,}00\ \text{\euro/St.} \)
Fixe Kosten: \( K_F = 50.000{,}00 – 60{,}00 \cdot 500 = 20.000{,}00\ \text{\euro} \)
Ergebnis: gleiche Kostenfunktion \( K_{ges} = 60{,}00 \cdot x + 20.000{,}00 \).

4. Deckungsbeitragsrechnung

Der Deckungsbeitrag (db) ist der Teil des Verkaufspreises, der nach Abzug der variablen Stückkosten übrig bleibt. Er deckt zunächst die Fixkosten – was dann noch bleibt, ist Gewinn.

\( db = p – k_{var} \qquad DB = db \cdot x \qquad BE = DB – K_F \)

db = Stückdeckungsbeitrag · DB = Gesamtdeckungsbeitrag · BE = Betriebsergebnis

Musterbeispiel. Die UNTERNEHMER AG produziert bei einem Beschäftigungsgrad von 80 % (Kapazitätsgrenze 1.000 St. → Ausbringung 800 St.). Verkaufspreis 100,00 €, kvar 60,00 €, KF 20.000,00 €.

  Verkaufspreis (p) 100,00
variable Stückkosten (kvar) 60,00
= Stückdeckungsbeitrag (db) 40,00
× Menge (x) 800
= Gesamtdeckungsbeitrag (DB) 32.000,00
Fixkosten (KF) 20.000,00
= Betriebsergebnis (BE) 12.000,00

Bei 800 St. erwirtschaftet die UNTERNEHMER AG einen Gewinn von 12.000,00 €.

5. Die Gewinnschwelle (Break-Even-Point)

Die Gewinnschwelle ist die Menge, ab der die UNTERNEHMER AG in die Gewinnzone kommt – wo der Gesamterlös die Gesamtkosten gerade deckt. An diesem Punkt ist das Betriebsergebnis genau 0.

\( x_{BE} = \dfrac{K_F}{p – k_{var}} = \dfrac{K_F}{db} = \dfrac{20.000{,}00}{40{,}00} = 500\ \text{Stück} \)

Bei 500 Stück betragen sowohl Erlös als auch Gesamtkosten 50.000,00 € – Gewinn 0. Unter 500 St. macht der Betrieb Verlust, darüber Gewinn. Die Grafik zeigt beides:

Menge x (Stück) 250 500 750 1.000 20.000 50.000 100.000 K_F K_ges Erlös Break-Even (500 St. / 50.000 €) Verlust Gewinn

6. Eigenfertigung oder Fremdbezug (Make or Buy)

Soll ein Bauteil selbst gefertigt oder zugekauft werden? Hier hilft die Teilkostenrechnung: Für die Entscheidung zählen kurzfristig nur die variablen Kosten der Eigenfertigung – die Fixkosten fallen ohnehin an.

Musterbeispiel. Ein Zulieferer bietet ein Bauteil für 55,00 €/St. an. Die Eigenfertigung verursacht variable Stückkosten von 60,00 €. Kurzfristig (Fixkosten laufen weiter) ist der Fremdbezug günstiger: 55,00 € < 60,00 €. Erst wenn durch Eigenfertigung auch Fixkosten abgebaut werden könnten (langfristig), muss man die Vollkosten vergleichen.
Merke: Kurzfristige Entscheidungen (Zusatzauftrag, Make-or-Buy, Preisuntergrenze) trifft man mit der Teilkostenrechnung (nur variable Kosten). Die kurzfristige Preisuntergrenze liegt bei den variablen Stückkosten (60,00 €).

Nicht nur Kosten: ESG-Kriterien in der Make-or-Buy-Entscheidung

Der neue Lehrplan erweitert die reine Kostenbetrachtung um Nachhaltigkeitsaspekte. Bei der Wahl zwischen Eigenfertigung und Fremdbezug spielen neben dem Preis auch ESG-Kriterien (Environmental, Social, Governance) und die European Sustainability Reporting Standards (ESRS) eine Rolle – etwa: Wie sind die Arbeitsbedingungen beim Zulieferer? Wie ist dessen CO&sub2;-Bilanz? Wie abhängig macht uns der Fremdbezug?

Methode: Scoringmodell (Nutzwertanalyse). Wenn mehrere Kriterien zusammenspielen, hilft ein Scoringmodell: Jedes Kriterium bekommt eine Gewichtung, jede Alternative eine Punktzahl – der gewichtete Gesamtnutzwert entscheidet.

Kriterium Gewicht Eigenfertigung Fremdbezug
Kosten 40 % 3 → 1,2 4 → 1,6
Nachhaltigkeit (E) 30 % 4 → 1,2 2 → 0,6
Liefersicherheit 30 % 4 → 1,2 3 → 0,9
Nutzwert (Summe) 100 % 3,6 3,1

Punkte 1–4 (4 = am besten), gewichtet mit dem Kriteriengewicht. Obwohl der Fremdbezug bei den reinen Kosten vorn liegt, gewinnt hier die Eigenfertigung (Nutzwert 3,6 vs. 3,1) – wegen der besseren Nachhaltigkeit und Liefersicherheit.

7. So fragt die Abschlussprüfung

  • Ermitteln Sie die Kostenfunktion (variable Stückkosten und Fixkosten, direkt oder indirekt).
  • Berechnen Sie den Deckungsbeitrag und das Betriebsergebnis.
  • Ermitteln Sie die Gewinnschwelle (Break-Even-Menge).
  • Beurteilen Sie, ob ein Zusatzauftrag / Fremdbezug angenommen werden soll.
  • Zeichnen Sie die Kosten- und Erlösfunktion und markieren Sie die Gewinnschwelle.

8. Typische Fehler – und wie Sie Punkte retten

Fehler Richtig
Bei Make-or-Buy die Fixkosten der Eigenfertigung mitrechnen Kurzfristig nur variable Kosten vergleichen – Fixkosten laufen weiter.
Deckungsbeitrag mit Gewinn verwechseln db deckt erst die Fixkosten; Gewinn = DB − KF.
Break-Even mit Vollkosten statt mit db rechnen xBE = KF / db (Fixkosten geteilt durch Stückdeckungsbeitrag).
Fixe Stückkosten als konstant annehmen Nur kvar/St. ist konstant; kfix/St. sinkt mit der Menge.

📝 Jetzt selbst üben

Im Aufgabengenerator erzeugen Sie sich Teilkosten-Aufgaben mit Lösungsweg – Kostenfunktion (direkt/indirekt), Deckungsbeitrag, Betriebsergebnis, Gewinnschwelle und Make-or-Buy, passend zur FOS/BOS Bayern.

Grundlage: LehrplanPLUS Bayern, BWL FOS 12, Lernbereich 12.2 (neuer Lehrplan). Alle Zahlen maschinell gegengerechnet. Modellunternehmen UNTERNEHMER AG.

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