IBV · Fachoberschule Bayern · Jahrgangsstufe 13 · NEUER LehrplanPLUS

gültig ab 2028/29ca. 32 UEJahresabschlussanalyseHGBESRS

Alle Inhalte dieser Seite folgen dem offiziellen LehrplanPLUS Bayern.

Den Jahresabschluss eines internationalen Unternehmens analysieren

Ein Jahresabschluss liefert viele Zahlen – eine Unternehmensanalyse macht daraus Informationen. In diesem Lernbereich wird aus Gewinn- und Verlustrechnung und Bilanz der UNTERNEHMER AG Schritt für Schritt ein Analysemodell: Gesamtergebnis nach HGB, Eigenkapitalveränderung, Strukturbilanz, Bilanz- und Liquiditätskennzahlen, Rentabilitäten, ROI, Cashflow, dynamischer Verschuldungsgrad, EBIT und EBITDA. Anschließend werden die Werte mit Zeit-, Branchen- und Normwerten verglichen und zu begründeten Handlungsempfehlungen verdichtet.

Leitidee: Eine Kennzahl ist keine Antwort. Erst Berechnung → Vergleich → Interpretation → Stakeholderperspektive → Handlungsempfehlung macht aus einer Zahl eine Analyse.

Inhalt

  1. UNTERNEHMER AG – Ausgangsfall
  2. Gesamtergebnis nach § 275 Abs. 2 HGB
  3. Einflussfaktoren des Ergebnisses
  4. Eigenkapitalveränderung
  5. Dividende oder Thesaurierung?
  6. Anspruchsgruppen
  7. Strukturbilanz
  8. Strukturbilanz der UNTERNEHMER AG
  9. Bilanzkennzahlen
  10. Anlagendeckung
  11. Working Capital
  12. Liquiditätsgrade 1–3
  13. Eigenkapitalrentabilität
  14. Umsatzrentabilität
  15. Kapitalumschlag
  16. ROI
  17. Cashflow
  18. Dynamischer Verschuldungsgrad
  19. EBIT
  20. EBITDA
  21. Kennzahlenvergleich
  22. Gesamtanalyse
  23. ESRS/Nachhaltigkeitsbericht
  24. Handlungsempfehlungen
  25. Prüfungstraining

1. Ausgangsfall: UNTERNEHMER AG

Die UNTERNEHMER AG ist ein international tätiger Industriebetrieb. Das Unternehmen wächst, investiert in energieeffiziente Produktion und finanziert einen Teil seiner Expansion fremd. Vorstand, Aktionäre, Kreditgeber, Beschäftigte und weitere Anspruchsgruppen interessieren sich deshalb für unterschiedliche Aspekte des Jahresabschlusses.

Ausgewählte Ausgangsdaten Jahr 02 Mio. €
Umsatzerlöse 96,0
Bestandsmehrung 2,0
andere aktivierte Eigenleistungen 1,0
sonstige betriebliche Erträge 3,0
Materialaufwand −42,0
Personalaufwand −25,0
Abschreibungen −6,0
sonstige betriebliche Aufwendungen −12,0
sonstige Zinsen und ähnliche Erträge 0,5
Zinsen und ähnliche Aufwendungen −2,5
Steuern vom Einkommen und Ertrag −4,0
sonstige Steuern −0,5

2. Gesamtergebnis in Staffelform nach § 275 Abs. 2 HGB

Der Lehrplan verlangt ausdrücklich das Gesamtkostenverfahren. Die Staffelform zeigt, wie sich Erträge und Aufwendungen schrittweise zum Jahresüberschuss oder Jahresfehlbetrag verdichten. Für die Analyse ist nicht nur das Endergebnis wichtig, sondern auch, woher es kommt.

vereinfachte Staffelform UNTERNEHMER AG Mio. €
Umsatzerlöse 96,0
+ Bestandsveränderung 2,0
+ aktivierte Eigenleistungen 1,0
+ sonstige betriebliche Erträge 3,0
− Materialaufwand 42,0
− Personalaufwand 25,0
− Abschreibungen 6,0
− sonstige betriebliche Aufwendungen 12,0
Betriebliches Ergebnis 17,0
+ Zinserträge 0,5
− Zinsaufwendungen 2,5
Ergebnis vor Steuern 15,0
− Steuern vom Einkommen und Ertrag 4,0
− sonstige Steuern 0,5
Jahresüberschuss 10,5
Lehrplangrenze: Gefordert ist die Veränderung des Eigenkapitals, ausdrücklich keine Ergebnisverwendungsrechnung. Wir analysieren daher Ausschüttung und Thesaurierung als finanzwirtschaftliche Alternativen, ohne daraus einen zusätzlichen alten Ergebnisverwendungs-Lernbereich zu machen.
102,0−85,017,0−6,510,5betriebl. Erträgebetriebl. AufwandBetriebsergebnisFinanz/Steuern

3. Wesentliche Einflussfaktoren des Jahresergebnisses

Eine Ergebnisanalyse fragt nicht nur „Wie hoch ist der Gewinn?“, sondern untersucht die Treiber. Ein höherer Umsatz verbessert das Ergebnis nur dann entsprechend, wenn Kostenentwicklung, Preisgestaltung und Kapazitätsauslastung dies zulassen.

Einflussfaktor mögliche Wirkung Analysefrage
Absatzmenge / Verkaufspreis Umsatz und Deckungsbeiträge Ist das Wachstum mengen- oder preisgetrieben?
Materialpreise Materialaufwand Können Kosten weitergegeben werden?
Personal Personalaufwand, Produktivität Wächst die Leistung mit den Personalkosten?
Investitionen Abschreibungen, Kapazität, Effizienz Erzeugen Investitionen künftig Erträge/Einsparungen?
Finanzierung Zinsaufwand Wie stark belastet Fremdkapital das Ergebnis?
Steuern Jahresüberschuss Wie groß ist die Differenz zwischen operativer Ertragskraft und Ergebnis nach Steuern?

4. Veränderung des Eigenkapitals

Gewinne erhöhen grundsätzlich das Eigenkapital, Ausschüttungen vermindern es. Für die Analyse genügt deshalb nicht der Jahresüberschuss allein. Relevant ist, welcher Teil im Unternehmen verbleibt.

vereinfachte EK-Veränderung = Jahresüberschuss − Ausschüttung
Jahresüberschuss: 10,5 Mio. €. Vorgesehene Dividenden: 4,2 Mio. €. Im Unternehmen verbleiben 6,3 Mio. €. Ohne weitere Eigenkapitalveränderungen stärkt dieser Betrag das Eigenkapital.
Jahresüberschuss10,5 Mio. € Ausschüttung 4,2Thesaurierung 6,3

5. Dividendenausschüttung oder Gewinnthesaurierung?

höhere Ausschüttung höhere Thesaurierung
Aktionäre unmittelbarer Zahlungszufluss Chance auf langfristige Unternehmenswertsteigerung
Eigenkapital geringere Stärkung stärkere Innenfinanzierung
Liquidität Ausschüttung bindet Zahlungsmittel Zahlungsmittel bleiben eher im Unternehmen
Unabhängigkeit ggf. höherer externer Finanzierungsbedarf geringerer Fremdfinanzierungsbedarf möglich
Investitionen weniger intern verfügbare Mittel mehr Spielraum für Wachstum/Transformation

Eine „optimale“ Ausschüttung lässt sich nicht allein aus einer Kennzahl ableiten. Investitionsbedarf, Liquidität, Kapitalstruktur, Erwartungen der Eigentümer und Nachhaltigkeitsziele müssen zusammen betrachtet werden.

6. Anspruchsgruppen: dieselbe Zahl, unterschiedliche Interessen

UNTERNEHMERAG AktionäreKreditgeberBeschäftigteGeschäftspartnerManagement
Stakeholder typische Informationsinteressen
Aktionäre Rentabilität, Ausschüttung, Risiko, langfristige Wertentwicklung
Kreditgeber Liquidität, Verschuldung, Cashflow, Kapitaldienstfähigkeit
Beschäftigte Stabilität, Investitionen, Beschäftigungsperspektiven
Management Rentabilität, Finanzierungsspielraum, Steuerung und Strategie
Lieferanten Zahlungsfähigkeit und Stabilität

7. Von der Handelsbilanz zur Strukturbilanz

Die Handelsbilanz ist rechtlich gegliedert; die Strukturbilanz dient der Analyse. Positionen werden so zusammengefasst und geordnet, dass Vermögens- und Kapitalstruktur, Fristigkeit und Liquidität besser vergleichbar werden.

Didaktischer Grundsatz: Die Strukturbilanz ist kein Selbstzweck. Sie ist das gemeinsame Datenfundament für die folgenden Kennzahlen.
AnlagevermögenUmlaufvermögenEigenkapitallangfristiges FKkurzfristiges FK

8. Strukturbilanz der UNTERNEHMER AG

Aktiva Mio. € Passiva Mio. €
Anlagevermögen 60 Eigenkapital 45
Vorräte 18 langfristiges Fremdkapital 30
Forderungen 14 kurzfristiges Fremdkapital 25
liquide Mittel 8
Bilanzsumme 100 Bilanzsumme 100

Dieser konsistente Datensatz wird nun für alle zentralen Kennzahlen verwendet. Dadurch bleiben die Zusammenhänge sichtbar.

9. Vermögens- und Kapitalstruktur

Anlagequote = Anlagevermögen / Gesamtvermögen × 100
Umlaufquote = Umlaufvermögen / Gesamtvermögen × 100
Eigenkapitalquote = Eigenkapital / Gesamtkapital × 100
Fremdkapitalquote = Fremdkapital / Gesamtkapital × 100
statischer Verschuldungsgrad = Fremdkapital / Eigenkapital × 100
Kennzahl Rechnung Ergebnis Interpretation
Anlagequote 60 / 100 × 100 60,0 % 60 % des Vermögens sind langfristig im Anlagevermögen gebunden.
Umlaufquote 40 / 100 × 100 40,0 % 40 % entfallen auf kurzfristiger disponierbare Vermögensbestandteile.
Eigenkapitalquote 45 / 100 × 100 45,0 % relativ hoher Eigenfinanzierungsanteil im Beispieldatensatz.
Fremdkapitalquote 55 / 100 × 100 55,0 % 55 % des Kapitals stammen von Fremdkapitalgebern.
statischer Verschuldungsgrad 55 / 45 × 100 122,2 % Auf 100 € Eigenkapital entfallen rund 122 € Fremdkapital.
AV 60 %UV 40 % EK 45 %FK 55 %VermögenKapital

10. Anlagendeckungsgrad I und II

Anlagendeckungsgrad I = Eigenkapital / Anlagevermögen × 100
Anlagendeckungsgrad II = (Eigenkapital + langfristiges Fremdkapital) / Anlagevermögen × 100
AD I = 45 / 60 ×100 = 75 %.
AD II = (45+30) / 60 ×100 = 125 %.

Der zweite Deckungsgrad stellt langfristig verfügbares Kapital dem langfristig gebundenen Anlagevermögen gegenüber. Im Beispiel übersteigt das langfristige Kapital das Anlagevermögen; 15 Mio. € langfristiges Kapital finanzieren damit rechnerisch Teile des Umlaufvermögens.

AV 60UV 40 EK 45langfr. FK 30kurzfr. FK 25

11. Working Capital

Working Capital = Umlaufvermögen − kurzfristiges Fremdkapital
40 Mio. € − 25 Mio. € = 15 Mio. € Working Capital.

Positives Working Capital bedeutet im Modell, dass das Umlaufvermögen das kurzfristige Fremdkapital übersteigt. Es ist damit eine wichtige Ergänzung zur Anlagendeckung. Dennoch gilt: Ein hoher Wert kann beispielsweise auch durch überhöhte Lagerbestände entstehen und ist deshalb nicht automatisch optimal.

12. Liquiditätsgrade 1 bis 3

Liquidität 1. Grades = liquide Mittel / kurzfristiges Fremdkapital × 100
Liquidität 2. Grades = (liquide Mittel + kurzfristige Forderungen) / kurzfristiges Fremdkapital × 100
Liquidität 3. Grades = Umlaufvermögen / kurzfristiges Fremdkapital × 100
Kennzahl Rechnung Ergebnis
Liquidität 1 8 / 25 ×100 32 %
Liquidität 2 (8+14) /25 ×100 88 %
Liquidität 3 40 /25 ×100 160 %
L1 = 32 %L2 = 88 %L3 = 160 %liquide Mittel+ Forderungen+ Vorräte
Interpretationsfehler vermeiden: Bilanzielle Liquiditätsgrade sind stichtagsbezogen. Sie ersetzen keine detaillierte Finanzplanung und zeigen nicht automatisch, wann Forderungen tatsächlich eingehen oder Verbindlichkeiten fällig werden.

13. Eigenkapitalrentabilität

Eigenkapitalrentabilität = Jahresüberschuss / durchschnittliches bzw. vorgegebenes Eigenkapital × 100
Bei einem für die Aufgabe zugrunde gelegten Eigenkapital von 45 Mio. €: 10,5 /45 ×100 = 23,33 %.

Sie zeigt die Verzinsung des eingesetzten Eigenkapitals. Für Eigentümer ist sie besonders relevant. Ein hoher Wert muss aber im Zusammenhang mit Risiko und Verschuldung interpretiert werden: Weniger Eigenkapital kann die Quote rechnerisch erhöhen, obwohl das Finanzierungsrisiko steigt.

14. Umsatzrentabilität

Umsatzrentabilität = Jahresüberschuss / Umsatzerlöse × 100
10,5 /96 ×100 = 10,94 %. Von 100 € Umsatz verbleiben im vereinfachten Modell knapp 10,94 € Jahresüberschuss.

15. Kapitalumschlag

Kapitalumschlag = Umsatzerlöse / Gesamtkapital
96 /100 = 0,96. Das eingesetzte Gesamtkapital wird über den Umsatz rechnerisch 0,96-mal pro Periode umgeschlagen.

Ein höherer Kapitalumschlag kann durch mehr Umsatz bei gleichem Kapital oder durch geringere Kapitalbindung bei gleichem Umsatz entstehen. Deshalb ist er eine wichtige Brücke zwischen Absatz und Finanzierung.

16. ROI bezogen auf das Gesamtkapital

Der Lehrplan nennt ausdrücklich den ROI bezogen auf das Gesamtkapital. Didaktisch besonders wichtig ist die Zerlegung in Umsatzrentabilität und Kapitalumschlag.

ROI = Umsatzrentabilität × Kapitalumschlag
10,94 % × 0,96 ≈ 10,50 %.
ROI 10,50 % Umsatzrentabilität 10,94 %Kapitalumschlag 0,96 Gewinnmarge verbessernKapital effizienter nutzen
Managementnutzen: Der ROI zeigt zwei grundsätzlich verschiedene Stellhebel: Marge und Kapitalumschlag. Dadurch wird aus einer Kennzahl ein Steuerungsmodell.

17. Cashflow – Innenfinanzierungskraft sichtbar machen

Der Jahresüberschuss enthält Aufwendungen, die nicht zwingend in derselben Periode zahlungswirksam sind. Ein vereinfachter indirekter Cashflow macht deshalb die finanzielle Innenkraft besser sichtbar.

vereinfachter Cashflow = Jahresüberschuss + nicht zahlungswirksame Aufwendungen − nicht zahlungswirksame Erträge
Jahresüberschuss 10,5 Mio. € + Abschreibungen 6,0 Mio. € = 16,5 Mio. € vereinfachter Cashflow, sofern im Aufgabenmodell keine weiteren Korrekturpositionen gegeben sind.
JÜ 10,5+ AfA 6,0Cashflow 16,5

18. Dynamischer Verschuldungsgrad

dynamischer Verschuldungsgrad = Fremdkapital / Cashflow
Das Ergebnis wird häufig als rechnerische Anzahl von Jahren interpretiert.
55 Mio. € /16,5 Mio. € = 3,33 Jahre.

Die Kennzahl beantwortet modellhaft, wie viele Jahre erforderlich wären, um das Fremdkapital aus einem gleichbleibenden Cashflow zurückzuführen. Die reale Schuldentilgung folgt natürlich nicht diesem simplen Modell; Investitionen, Ausschüttungen, Zinsen und Cashflow-Schwankungen bleiben zu berücksichtigen.

19. EBIT – operative Ertragskraft vor Zinsen und Steuern

Das EBIT erleichtert Vergleiche, weil Finanzierungs- und Steuerwirkungen ausgeblendet werden. Im vereinfachten Datensatz entspricht das operative Ergebnis 17,0 Mio. €.

EBIT = Ergebnis vor Zinsen und Steuern
UNTERNEHMER AG: EBIT = 17,0 Mio. €. Die Zinsbelastung von netto 2,0 Mio. € erklärt einen Teil der Differenz zum Ergebnis vor Steuern.

20. EBITDA – vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen

Das neue IBV-13-Curriculum nennt zusätzlich ausdrücklich EBITDA. Gegenüber EBIT werden Abschreibungen herausgerechnet bzw. wieder hinzugerechnet. Dadurch tritt die operative Leistung vor Abschreibungsintensität stärker hervor.

EBITDA = EBIT + Abschreibungen (vereinfacht)
17,0 + 6,0 = 23,0 Mio. € EBITDA.
EBITDA 23,0EBIT 17,0JÜ 10,5− Abschreibungen− Finanzergebnis/Steuern
Grenze: EBITDA ist kein Zahlungsmittelbestand und kein Ersatz für Cashflow. Bei kapitalintensiven Unternehmen sind Abschreibungen wirtschaftlich bedeutsam, weil Anlagen erneuert werden müssen.

21. Eine Kennzahl braucht einen Vergleich

Der Lehrplan fordert ausdrücklich Normwerte, Branchenvergleich und Zeitvergleich. Erst dadurch kann beurteilt werden, ob eine Veränderung auffällig oder branchentypisch ist.

Kennzahl Jahr 01 Jahr 02 Modell-Branche 02 erste Analyse
Eigenkapitalquote 41 % 45 % 38 % im Zeitvergleich gestiegen; im Modell über Branchenwert
Liquidität 2 82 % 88 % 95 % verbessert, aber Modell-Branchenwert noch nicht erreicht
Umsatzrentabilität 9,5 % 10,94 % 9,8 % positive Entwicklung
dynamischer Verschuldungsgrad 4,1 J. 3,33 J. 3,8 J. rechnerische Entschuldungsdauer gesunken
EBITDA 19,8 23,0 operatives Ergebnis vor Abschreibungen verbessert
Wichtig: Die hier verwendeten Branchenwerte sind reine Unterrichts-/Modelldaten. Für reale Analysen müssen aktuelle, methodisch vergleichbare Daten recherchiert werden.
EK-QuoteRentabilitätJahr 01 / Jahr 02 / Branche

22. Gesamtanalyse statt Kennzahlenfriedhof

Ein Unternehmen kann bei einer Kennzahl stark und bei einer anderen schwach sein. Deshalb werden die Ergebnisse zu Analysefeldern gebündelt.

Analysefeld zentrale Kennzahlen Frage
Kapitalstruktur EK-/FK-Quote, Verschuldungsgrad Wie unabhängig und risikotragfähig ist die Finanzierung?
Fristenstruktur Anlagendeckung, Working Capital Passt die Kapitalfristigkeit zur Vermögensbindung?
Liquidität L1–L3, Cashflow Wie belastbar ist die Zahlungsfähigkeit?
Rentabilität EK-Rentabilität, Umsatzrentabilität, ROI Wie erfolgreich wird Kapital eingesetzt?
operative Ertragskraft EBIT, EBITDA Wie stark ist das operative Geschäft?
Entschuldungsfähigkeit Cashflow, dyn. Verschuldungsgrad Wie tragfähig ist die Verschuldung?
UNTERNEHMERAG KapitalstrukturEK-Quote 45 %LiquiditätL2 88 %RentabilitätROI 10,5 %Entschuldung3,33 Jahre

23. Nachhaltigkeitsberichterstattung gemäß ESRS

Der Lehrplan erweitert die klassische Jahresabschlussanalyse ausdrücklich: Bei unternehmenspolitischen Handlungsempfehlungen sind auch Informationen der Nachhaltigkeitsberichterstattung im Lagebericht gemäß ESRS zu berücksichtigen. Damit reicht eine rein finanzielle Betrachtung nicht mehr aus.

UNTERNEHMER AG – Modellinformationen: Energieverbrauch je Produktionseinheit −8 %, direkte Treibhausgasemissionen −6 %, Recyclingquote +9 Prozentpunkte; gleichzeitig steigt die Unfallhäufigkeit in einem ausländischen Produktionsstandort. Finanzielle Verbesserung und Nachhaltigkeitsentwicklung zeigen also kein einheitliches Bild.
Dimension mögliche Information Verknüpfung zur Finanzanalyse
Environmental Energie, Emissionen, Ressourcen Investitionsbedarf, Kosten, Risiken, Effizienz
Social Arbeitsbedingungen, Sicherheit, Personal Personalrisiken, Produktivität, Reputation
Governance Kontrollen, Compliance, Unternehmensführung Rechts-/Reputationsrisiken, Finanzierungskonditionen
FINANZENRentabilitätLiquiditätESRSUmwelt · SozialesGovernancestrategischeEntscheidung

24. Von der Analyse zur Handlungsempfehlung

Die höchste Kompetenzstufe des Lernbereichs besteht darin, Vorschläge zu prüfen, Stellung zu nehmen und begründete unternehmenspolitische Empfehlungen zu entwickeln. Eine gute Empfehlung verbindet mindestens Ausgangsbefund, Ziel, Maßnahme, erwartete Wirkung, Risiken und Stakeholder.

Sechs-Satz-Schema:
1. Befund mit Kennzahl und Vergleich.
2. Problem/Chance benennen.
3. finanzwirtschaftliches Ziel bestimmen.
4. konkrete Maßnahme vorschlagen.
5. Wirkung und mögliche Zielkonflikte erklären.
6. ESRS-/Stakeholderinformation einbeziehen.
Beispiel: Die Eigenkapitalquote ist von 41 % auf 45 % gestiegen und liegt im Modelldatensatz über dem Branchenwert. Gleichzeitig beträgt Liquidität 2 nur 88 % und bleibt unter dem Modellvergleich. Eine maximale Dividendenausschüttung wäre daher trotz guter Rentabilität nicht zwingend sinnvoll. Ein größerer thesaurierter Gewinnanteil könnte Liquidität und Eigenfinanzierung für die geplante energieeffiziente Produktionsanlage stärken. Die Maßnahme reduziert kurzfristig den Ausschüttungszufluss der Aktionäre, kann aber Finanzierungsspielraum und ESRS-bezogene Transformationsziele unterstützen.

25. Integrierter Fall: Vorstandsvorlage der UNTERNEHMER AG

Der Vorstand diskutiert drei Vorschläge: A Dividendenausschüttung deutlich erhöhen, B Fremdkapital für eine internationale Expansion aufnehmen, C einen größeren Teil des Gewinns thesaurieren und in energieeffiziente Anlagen sowie Arbeitssicherheit investieren.

Auftrag 1: Berechne aus den Ausgangsdaten mindestens acht geeignete Kennzahlen.
Auftrag 2: Führe einen Zeit- und Branchenvergleich durch und formuliere je Kennzahl eine belastbare Interpretation.
Auftrag 3: Prüfe A, B und C aus Sicht von Aktionären, Kreditgebern, Beschäftigten und Management.
Auftrag 4: Verknüpfe die finanziellen Ergebnisse mit den ESRS-Modellinformationen.
Auftrag 5: Entwickle eine begründete Handlungsempfehlung. Vermeide Aussagen wie „Kennzahl X ist gut“, wenn kein Vergleichsmaßstab genannt wird.

26. Typische Prüfungsfehler

Fehler Besser
Jahresüberschuss mit Liquidität gleichsetzen Erfolg und Zahlungsfähigkeit trennen
Eigenkapitalquote isoliert als „gut“ bewerten Zeit-, Branchen- oder Normvergleich verwenden
Liquiditätsgrade ohne Fristigkeitskritik interpretieren Stichtagscharakter und Qualität des UV beachten
ROI nur auswendig berechnen Marge und Kapitalumschlag als Stellhebel erklären
Cashflow = Kassenbestand Cashflow als Strom-/Finanzkraftgröße verstehen
EBITDA = Cashflow Begriffe und Korrekturen trennen
niedriger Verschuldungsgrad immer optimal Finanzierungsstrategie, Risiko und Rentabilität einbeziehen
ESRS als Zusatzthema ohne Verbindung Nachhaltigkeitsinformationen in die Handlungsempfehlung integrieren
Ergebnisverwendungsrechnung ergänzen Lehrplanhinweis „keine Ergebnisverwendungsrechnung“ beachten

27. Prüfungstraining

1. Ermittle aus einer GuV nach Gesamtkostenverfahren den Jahresüberschuss und analysiere drei wesentliche Ergebnistreiber.
2. Erläutere den Zielkonflikt zwischen hoher Dividendenausschüttung und Gewinnthesaurierung aus zwei Stakeholderperspektiven.
3. Überführe eine vorgegebene Bilanz in eine analysegerechte Strukturbilanz.
4. Berechne Anlage-/Umlaufquote, EK-/FK-Quote, statischen Verschuldungsgrad, AD I/II und Working Capital.
5. Berechne Liquiditätsgrade 1–3 und beurteile deren Aussagekraft.
6. Berechne Eigenkapital- und Umsatzrentabilität, Kapitalumschlag und ROI. Zeige zwei Möglichkeiten zur ROI-Verbesserung.
7. Ermittle Cashflow, dynamischen Verschuldungsgrad, EBIT und EBITDA und erkläre, welche unterschiedlichen Informationen die Größen liefern.
8. Vergleiche zwei Jahre mit einer Branche. Trenne Beschreibung, Interpretation und Empfehlung.
9. Entwickle aus Finanzkennzahlen und ESRS-Angaben eine Vorstandsempfehlung und diskutiere einen Zielkonflikt.

28. Kompletter Lernbereich auf einen Blick

Lehrplanbaustein Was du können musst
Gesamtergebnis JÜ/JF nach Gesamtkostenverfahren (§ 275 Abs. 2 HGB) ermitteln und Einflussfaktoren erklären
Eigenkapital Veränderung verstehen; Ausschüttung vs. Thesaurierung aus Stakeholdersicht bewerten; keine Ergebnisverwendungsrechnung
Strukturbilanz Bilanz analysegerecht darstellen
Bilanzkennzahlen Anlage-/Umlaufquote, EK-/FK-Quote, stat. Verschuldungsgrad, AD I/II, Working Capital
Liquidität Liquiditätsgrade 1–3
Finanz-/Ertragskraft EK-Rentabilität, Umsatzrentabilität, Kapitalumschlag, ROI, Cashflow, dyn. Verschuldungsgrad, EBIT, EBITDA
Vergleich Normwerte, Branchenvergleich, Zeitvergleich
Handlung Vorschläge prüfen, Stellung nehmen, finanzwirtschaftliche Handlungsempfehlungen entwickeln
Nachhaltigkeit ESRS-Informationen des Lageberichts in Entscheidungen integrieren

✏️ Jetzt selbst üben – im Aufgabengenerator

Erzeuge Aufgaben zur Strukturbilanz, Bilanz- und Liquiditätsanalyse, Rentabilität, ROI, Cashflow, dynamischem Verschuldungsgrad, EBIT/EBITDA und zur integrierten Jahresabschlussanalyse – passend zu IBV 13 im neuen LehrplanPLUS.

Aufgaben erzeugen →

Nach oben scrollen

Betriebsferien vom
31.07. bis 14.09.2026

Liebe Kunden/Besucher,

Ihre digitalen Zugänge funktionieren wie gewohnt. Nach der Buchung erhalten Sie den Zugang sofort und automatisch – dafür ist keine Bearbeitung durch uns nötig.

Persönlich sind wir vom 31.07. bis 14.09.2026 nicht erreichbar. E-Mails beantworten wir ab dem 15.09.2026 in der Reihenfolge des Eingangs. Terminvereinbarungen sind ab dann wieder möglich.

Ihr lern.de – Team