BwR FOS/BOS Bayern · Jahrgangsstufe 11 (BOS 12) · Lernbereich 5 (LehrplanPLUS, bis Abschluss 2026/27)

Vollkostenrechnung: Angebotspreise und Betriebsergebnis ermitteln

Die Vollkostenrechnung beantwortet zwei Kernfragen jedes Industriebetriebs: Was kostet ein Produkt wirklich? und welchen Preis müssen wir am Markt verlangen? Sie verteilt sämtliche Kosten über Kostenarten, Kostenstellen und Kostenträger – vom Betriebsabrechnungsbogen über die Stückkalkulation bis zum Betriebsergebnis. Diese Seite arbeitet den kompletten Stoff auf FOS/BOS-Prüfungsniveau auf: mit vollständigen Kalkulationsschemata, allen Nebenrechnungen, den drei Wegen der Maschinenkostenermittlung und Warnungen vor typischen Fehlern.

Unser Modellunternehmen: die UNTERNEHMER AG. An ihr rechnen wir jeden Schritt durch – vom BAB über die Vorwärts-, Rückwärts- und Differenzkalkulation bis zum Maschinenstundensatz – genau so, wie es die Abschlussprüfung verlangt.

1. Vom externen zum internen Rechnungswesen

Das externe Rechnungswesen (Buchführung, GuV) erfasst Aufwendungen und Erträge und ermittelt das Gesamtergebnis – es richtet sich nach außen (Finanzamt, Gläubiger). Das interne Rechnungswesen (Kostenrechnung) erfasst Kosten und Leistungen und ermittelt das Betriebsergebnis – den Erfolg aus der eigentlichen betrieblichen Tätigkeit. Nur betrieblich veranlasste, periodengerechte Werte fließen ein.

Merke: Gesamtergebnis = Erträge − Aufwendungen (externe Sicht). Betriebsergebnis = Leistungen − Kosten (interne Sicht). Die Vollkostenrechnung arbeitet mit Kosten, nicht mit Aufwendungen.

2. Einzelkosten und Gemeinkosten

Kosten werden nach ihrer Zurechenbarkeit auf den Kostenträger (das einzelne Produkt) unterschieden. Diese Grafik zeigt das Grundprinzip:

Einzelkosten FM, FL (variabel) direkt zurechenbar Gemeinkosten MGK, FGK, VwGK, VtGK Kostenstellen Material · Fertigung Verwaltung · Vertrieb (BAB verteilt) Kostenträger (das Produkt)
  • Einzelkosten lassen sich dem Produkt direkt zurechnen: Fertigungsmaterial (FM), Fertigungslöhne (FL), Sondereinzelkosten (SEKF, SEKVt). Sie sind überwiegend variabel.
  • Gemeinkosten lassen sich nicht direkt zurechnen (MGK, FGK, VwGK, VtGK). Sie sind größtenteils fix und werden über den BAB verursachungsgerecht auf die Kostenstellen verteilt.
Merke: Einzelkosten sind abhängig vom Beschäftigungsgrad (variabel). Gemeinkosten sind größtenteils unabhängig vom Beschäftigungsgrad (fix) und werden verursachungsgerecht auf die Kostenstellen verteilt.

3. Der Betriebsabrechnungsbogen (BAB)

Der BAB verteilt die Gemeinkosten verursachungsgerecht auf die Hauptkostenstellen. Beim einstufigen BAB geschieht das in einer Stufe von links nach rechts. Ist eine Hilfskostenstelle (z. B. Fuhrpark, Arbeitsvorbereitung) tätig, wird sie in einer weiteren Stufe umgelegt – das ist der mehrstufige BAB. Die Werte im BAB sind stets Ist-Kosten.

Hilfsstelle Fuhrpark Material Fertigung Verw./Vertrieb 6:9:9 → Summe je Hauptkostenstelle
Zuschlagsbasis je Kostenstelle: MGK auf FM · FGK auf FL · VwGK und VtGK auf die Herstellkosten des Umsatzes. Verteilungsgrundlage: nach Beleg (z. B. Eurobetrag) oder Schlüssel (z. B. kWh, m², Anteile).
Musterbeispiel – einstufiger BAB. Die UNTERNEHMER AG legt für Juli folgenden BAB-Auszug vor (in €). Die Fuhrpark-Gemeinkosten werden nach Schlüssel 6 : 9 : 9 verteilt; auf Verwaltung/Vertrieb entfallen dabei 23.400,00 €.

Position Fuhrpark Material Fertigung Verw./Vertr.
Gemeinkosten 62.400,00 148.500,00 494.700,00 428.400,00
+ Umlage Fuhrpark (6:9:9) −62.400,00 15.600,00 23.400,00 23.400,00
= Summe je Hauptkostenstelle 164.100,00 518.100,00 451.800,00

Nebenrechnung: 9 Anteile = 23.400,00 € → 1 Anteil = 2.600,00 €. Gesamtumlage Fuhrpark = 24 × 2.600,00 € = 62.400,00 €, verteilt 6 : 9 : 9 auf Material (15.600), Fertigung (23.400), Verw./Vertrieb (23.400).

Beim mehrstufigen BAB wird zusätzlich eine Fertigungshilfsstelle (z. B. Arbeitsvorbereitung) in einer zweiten Stufe von rechts nach links auf die Fertigungshauptstellen umgelegt. Prinzip: erst alle Hilfsstellen auflösen, dann Summen bilden.

4. Zuschlagssätze ermitteln

Aus den BAB-Summen und den Einzelkosten werden die Gemeinkostenzuschlagssätze berechnet:

\( \text{MGK-Zuschlag} = \dfrac{\text{Materialgemeinkosten}}{\text{Fertigungsmaterial}} \cdot 100\,\% \)

\( \text{FGK-Zuschlag} = \dfrac{\text{Fertigungsgemeinkosten}}{\text{Fertigungsl\“ohne}} \cdot 100\,\% \)

\( \text{VwGK/VtGK-Zuschlag} = \dfrac{\text{Verw.- bzw. Vertriebsgemeinkosten}}{\text{Herstellkosten des Umsatzes}} \cdot 100\,\% \)

5. Die Stückkalkulation – EIN Schema für alles

Die Kostenträgerstückrechnung ermittelt die Kosten je Stück und darauf den Angebotspreis. Das Entscheidende: Es gibt nur ein einziges Schema – von den Einzelkosten (FM) oben bis zum Angebotspreis (AP) unten. Immer gleicher Aufbau. Ob Sie vorwärts, rückwärts oder eine Differenz rechnen, hängt nur davon ab, welche Werte gegeben sind – die Tabelle wird nie umgedreht.

Die Eselsbrücke – wo 100 % steht, ist die Bezugsbasis. Prozentangaben beziehen sich immer auf ihre 100 %-Basis. Diese Basis wechselt, deshalb rechnen wir in zwei Prozentspalten: Solange sich alles auf die Selbstkosten bezieht, steht die 100 % links. Ab dem vorläufigen Verkaufspreis (vVP) wechseln wir in die rechte Spalte (Bezug: Zielverkaufspreis). Für den Rabatt springt die 100 % zurück nach links (Bezug: Angebotspreis). Wichtig: Beim ZVP steht links nie 100 % – darunter kommt ja noch der Rabatt, und erst der Angebotspreis ist dessen 100 %-Basis.

Das Schema (Beispiel UNTERNEHMER AG, Produkt A)

Gegeben: FM 500,00 € · MGK-ZS 50 % · FL 350,00 € · FGK-ZS 100 % · SEKF 50,00 € · VwVtGK-ZS 20 % · SEKVt 40,00 € · Gewinn 10 % · Vertreterprovision 5 % · Skonto 3 % · Rabatt 20 %.

Position in € % % Nebenrechnung
  FM 500,00
+ MGK 250,00 50 \( \dfrac{500{,}00 \cdot 50}{100} \)
+ FL 350,00
+ FGK 350,00 100 \( \dfrac{350{,}00 \cdot 100}{100} \)
+ SEKF 50,00
= Herstellkosten (HK) 1.500,00 100
+ VwVtGK 300,00 20 \( \dfrac{1.500{,}00 \cdot 20}{100} \)
+ SEKVt 40,00
= Selbstkosten (SK) 1.840,00 100
+ Gewinn 184,00 10 \( \dfrac{1.840{,}00 \cdot 10}{100} \)
= vorl. Verkaufspreis (vVP) 2.024,00 92 Spaltenwechsel →
+ Vertreterprovision 110,00 5 \( \dfrac{2.200{,}00 \cdot 5}{100} \)
= Barverkaufspreis (BVP) 2.134,00 97
+ Skonto 66,00 3 \( \dfrac{2.200{,}00 \cdot 3}{100} \)
= Zielverkaufspreis (ZVP) 2.200,00 80 100 ← Spaltenwechsel
+ Rabatt 550,00 20 \( \dfrac{2.750{,}00 \cdot 20}{100} \)
= Angebotspreis (AP/LVP) 2.750,00 100

Dasselbe Schema, drei Rechenrichtungen

Richtung gegeben gesucht – so wird gerechnet
Vorwärts (leicht) Einzelkosten + Zuschläge Angebotspreis – von oben (FM) nach unten (AP) addieren.
Rückwärts (mittel) Angebotspreis (Markt) max. zulässige Selbstkosten – vom AP (unten) nach oben subtrahieren, bis SK. Das Schema bleibt gleich, nur die Rechenrichtung dreht sich.
Differenz (schwer) eigene Kosten + Marktpreis Produkt A vorwärts bis SK, Produkt B (Marktpreis) rückwärts bis SK – dann die Differenz der Selbstkosten beurteilen.
Merke: Ein Schema, immer gleicher Aufbau (FM oben → AP unten). Bei der Rückwärtskalkulation wird die Tabelle nicht umgedreht – man startet nur beim gegebenen Angebotspreis unten und arbeitet sich nach oben bis zu den Selbstkosten. Weiter als bis zu den Selbstkosten geht die Rückwärtskalkulation nicht.

Rückwärtskalkulation – Aufgabe: Berechnen Sie die Selbstkosten

Musterbeispiel. Der Markt gibt für Produkt A einen Angebotspreis von 2.750,00 € vor. Konditionen unverändert (Rabatt 20 %, Skonto 3 %, Vertreterprovision 5 %, Gewinn 10 %). Gesucht: die maximal zulässigen Selbstkosten. Das Schema bleibt gleich (SK oben, AP unten) – man startet beim gegebenen AP und rechnet nach oben bis zu den Selbstkosten.

Position in € % % Nebenrechnung
= Selbstkosten (SK) 1.840,00 100 gesucht ↑
+ Gewinn 184,00 10 \( \dfrac{2.024{,}00 \cdot 10}{110} \)
= vorl. Verkaufspreis (vVP) 2.024,00 110 92 Spaltenwechsel
Vertreterprovision 110,00 5 \( \dfrac{2.200{,}00 \cdot 5}{100} \)
Skonto 66,00 3 \( \dfrac{2.200{,}00 \cdot 3}{100} \)
= Zielverkaufspreis (ZVP) 2.200,00 80 100 Spaltenwechsel
Rabatt 550,00 20 \( \dfrac{2.750{,}00 \cdot 20}{100} \)
= Angebotspreis (AP/LVP) 2.750,00 100 gegeben (Start)

Gleiches Schema, gleiche Reihenfolge (SK oben, AP unten) – nur dass hier der AP gegeben ist und man sich nach oben zu den Selbstkosten rechnet. Die Rückwärtskalkulation endet bei den Selbstkosten.

Differenzkalkulation

Die Differenzkalkulation vergleicht die eigenen Selbstkosten (vorwärts berechnet) mit den maximal zulässigen Selbstkosten (rückwärts aus dem Marktpreis). Typische Prüfungsaufgabe: Produkt A vorwärts bis SK rechnen, Produkt B (mit vorgegebenem Marktpreis) rückwärts bis SK – dann die Differenz beurteilen. Ist die eigene SK höher als die zulässige, entsteht bei diesem Marktpreis ein Verlust; ist sie niedriger, bleibt ein Kalkulationsspielraum.

6. Maschinenkosten – drei Wege

Bei maschinenintensiver Fertigung werden die Maschinenkosten (Mako) gesondert ausgewiesen. Sie gehören zu den Fertigungskosten. Der pauschale Fertigungsgemeinkosten-Zuschlag wird dann in Rest-Fertigungsgemeinkosten (R-FGK) und Mako aufgeteilt. Es gibt drei Wege, die Mako zu ermitteln:

FGK gesamt Rest-FGK (R-FGK) Maschinenkosten (3 Berechnungswege) je Maschinenstunde
Weg 1 – Mako über Rest-FGK (Produkt B). Gegeben: FL 80,00 €, R-FGK-Zuschlag 120 %, ermittelte FGK 200,00 €.

+ FL 80,00  
+ R-FGK 96,00 = 80,00 · 120 %
+ Mako 104,00 = FGK 200,00 − R-FGK 96,00
Weg 2 – Mako über Maschinenstundensatz (Produkt C). Gegeben: FL 180,00 €, R-FGK-Zuschlag 110 %, Maschinenstundensatz (MSS) 240,00 €/Std, Produktionszeit 2 Minuten.

+ FL 180,00  
+ R-FGK 198,00 = 180,00 · 110 %
+ Mako 8,00 = 240,00 / 60 min · 2 min
Weg 3 – Maschinenstundensatz aus der Anlagenkarte (ausführlich). Die UNTERNEHMER AG kauft eine Schneidemaschine: Anschaffungskosten 120.000,00 €, Wiederbeschaffung 10 % über AK, kalk. Zinssatz 6 %, Nutzungsdauer 8 Jahre, Energie 20 kWh à 0,26 € + 45,00 € Grundgebühr/Monat, Raum 30 m² à 10,00 €/Monat, sonstige GK 310,00 €/Quartal, Laufzeit 2.000 Std/Jahr.

kalkulatorische AfA 16.500,00 = 132.000,00 / 8 J
+ kalkulatorische Zinsen 3.600,00 = 120.000,00 · 6 / 200
+ Raumkosten 3.600,00 = 30 m² · 10,00 · 12 Mo
+ Grundgebühr Energie 540,00 = 45,00 · 12 Mo
+ variable Stromkosten 10.400,00 = 20 kWh · 0,26 · 2.000 Std
+ sonstige Gemeinkosten 1.240,00 = 310,00 · 4 Quartale
= maschinenabh. FGK 35.880,00  
= Maschinenstundensatz 17,94 = 35.880,00 / 2.000 Std

Wiederbeschaffungswert: 120.000,00 € · 110 % = 132.000,00 €. Die kalk. AfA wird stets vom Wiederbeschaffungswert gerechnet, die kalk. Zinsen vom halben Anschaffungswert.

\( \text{kalk. AfA} = \dfrac{\text{Wiederbeschaffungswert}}{\text{Nutzungsdauer}} \qquad \text{kalk. Zinsen} = \dfrac{\text{Anschaffungswert} \cdot p}{200} \)

\( \text{Maschinenstundensatz} = \dfrac{\text{maschinenabh. FGK}}{\text{Maschinenlaufzeit}} \)

7. Kostenträgerzeitrechnung: Normal- vs. Istkosten

Statt mit nachträglichen Ist-Zuschlägen kalkuliert der Betrieb im Voraus mit Normalzuschlagssätzen (Durchschnittswerte). Am Periodenende vergleicht man die verrechneten Normalkosten mit den tatsächlichen Istkosten. Die Abweichung entsteht nur bei den Gemeinkosten.

Kostenüberdeckung Normal Ist Normal > Ist → günstig (+) Kostenunterdeckung Normal Ist Ist > Normal → ungünstig (−)
Merke: Normalkosten > Istkosten → Kostenüberdeckung (+) (zu viel verrechnet, günstig). Istkosten > Normalkosten → Kostenunterdeckung (−) (zu wenig verrechnet, ungünstig). Das Betriebsergebnis ergibt sich auf Istkostenbasis, das Umsatzergebnis auf Normalkostenbasis.

Hinweis zum Lehrplan: Die Zeilen zur Bestandsveränderung fertiger/unfertiger Erzeugnisse auf Normalkostenbasis (HKFE/BVFE) sowie die Kostenträgerzeitrechnung mit zwei Kostenträgern entfallen im überarbeiteten Lehrplan (ab Schuljahr 2027/28). Für die aktuellen Prüfungsjahrgänge (bis 2026/27) bleiben sie prüfungsrelevant.

8. So fragt die Abschlussprüfung

Die Vollkostenrechnung ist ein Prüfungsschwerpunkt. Typische Operatoren und Aufgaben:

  • Berechnen Sie die Summe der Gemeinkosten je Hauptkostenstelle (BAB ein-/mehrstufig).
  • Ermitteln Sie die Zuschlagssätze bzw. den Maschinenstundensatz.
  • Berechnen Sie den Listenverkaufspreis (Vorwärtskalkulation).
  • Ermitteln Sie den maximal zulässigen Selbstkostenpreis (Rückwärtskalkulation) und beurteilen Sie, ob zum Konkurrenzpreis angeboten werden sollte.
  • Analysieren Sie die Kostenüber- bzw. -unterdeckung.

9. Typische Fehler – und wie Sie Punkte retten

Fehler Richtig
Hilfskostenstelle nicht vor der Summenbildung auflösen Erst Hilfsstellen umlegen, dann Summe je Hauptkostenstelle.
Falsche Zuschlagsbasis (FGK auf FM statt auf FL) MGK auf FM, FGK auf FL, VwGK/VtGK auf Herstellkosten.
Bei Rückwärtskalkulation die falsche %-Basis nehmen Jeder bekannte Zwischenwert (AP, ZVP, SK) ist neue 100 %-Basis.
Kalk. AfA vom Anschaffungswert statt vom Wiederbeschaffungswert Kalk. AfA immer vom Wiederbeschaffungswert.
Über-/Unterdeckung vertauscht Normal > Ist = Überdeckung (+); Ist > Normal = Unterdeckung (−).

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Im Aufgabengenerator erzeugen Sie sich beliebig viele Vollkostenrechnungs-Aufgaben mit vollständigem Lösungsweg – BAB, Zuschlagssätze, Vorwärts-/Rückwärts-/Differenzkalkulation, Maschinenstundensatz und Über-/Unterdeckung, passend zur FOS/BOS Bayern.

Grundlage: LehrplanPLUS Bayern, BwR FOS 11 / BOS 12, Lernbereich 5. Alle Zahlen maschinell gegengerechnet. Modellunternehmen UNTERNEHMER AG.

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