Betriebswirtschaftslehre · FOS Bayern · Jahrgangsstufe 12 · neuer LehrplanPLUS

BWL 12 NEULernbereich 332 UEFinanzierung & InvestitionUNTERNEHMER AG

Alle Inhalte dieser Seite folgen dem offiziellen LehrplanPLUS Bayern.

Finanzierungs- und Investitionsvorgänge analysieren, liquide Mittel beschaffen und Investitionen tätigen

Dieser Lernbereich verbindet Kapitalbeschaffung und Kapitalverwendung. Die UNTERNEHMER AG entscheidet, wie Investitionen finanziert werden und welche Investitionsalternative unter wirtschaftlichen, finanziellen und nachhaltigkeitsbezogenen Gesichtspunkten sinnvoll ist.

Neuer Lehrplan: Die offizielle Änderungsübersicht nennt ausdrücklich Abzahlungsdarlehen, Kontokorrentkredit, stille Selbstfinanzierung, Finanzierung aus Abschreibungen sowie ESG-Kriterien und ESRS als mögliche Entscheidungsmerkmale im Rahmen der Investitionsrechenverfahren.

Inhaltsverzeichnis

  1. Investition und Finanzierung – zwei Seiten einer Entscheidung
  2. Investitionsanlässe
  3. Finanzwirtschaftliche Ziele
  4. Finanzierungsformen systematisieren
  5. Beteiligungsfinanzierung und Kapitalerhöhung
  6. Kreditfinanzierung
  7. Annuitätendarlehen und NEU: Abzahlungsdarlehen
  8. NEU: Kontokorrentkredit
  9. Offene und NEU: stille Selbstfinanzierung
  10. Finanzierung aus Rückstellungen
  11. NEU: Finanzierung aus Abschreibungen
  12. Finanzierung durch Vermögensumschichtung
  13. Finanzierungsalternativen mehrdimensional beurteilen
  14. Statische Investitionsrechnung – vier Verfahren
  15. Kostenvergleichsrechnung
  16. Gewinnvergleichsrechnung
  17. Rentabilitätsrechnung
  18. Amortisationsrechnung
  19. NEU: ESG und ESRS in Investitionsentscheidungen
  20. Scoringmodell: quantitative und qualitative Kriterien verbinden
  21. Integrierter Gesamtfall UNTERNEHMER AG
  22. Finanzierung und Investition als zusammenhängender Entscheidungsprozess
  23. Finanzwirtschaftliche Ziele und Zielkonflikte
  24. Abzahlungsdarlehen: Tilgungsplan vollständig berechnen
  25. Kontokorrentkredit: flexibel, aber teuer
  26. Stille Selbstfinanzierung fachlich einordnen
  27. Finanzierung aus Abschreibungen: Kapitalfreisetzung verstehen
  28. Vier statische Investitionsrechenverfahren als Entscheidungssystem
  29. Kostenvergleichsrechnung mit kritischer Menge
  30. Gewinnvergleichsrechnung
  31. Rentabilitätsvergleich: Erfolg zum Kapitaleinsatz in Beziehung setzen
  32. Amortisationsrechnung: Rückflussdauer berechnen
  33. ESG und ESRS als Investitionskriterien
  34. Investitionsentscheidung mit Scoringmodell ergänzen
  35. Finanzierungsform und Investition auf Liquidität abstimmen
  36. Sensitivitätsanalyse: Investitionsentscheidung unter Unsicherheit
  37. Großfall UNTERNEHMER AG: Investition und Finanzierung gemeinsam entscheiden
  38. Typische Prüfungsfehler
  39. 35 Prüfungs- und Transferaufträge
  40. Das Wichtigste auf einen Blick

1. Investition und Finanzierung – zwei Seiten einer Entscheidung

Investition bedeutet Mittelverwendung: Kapital wird heute gebunden, um künftig Nutzen bzw. Rückflüsse zu erzielen. Finanzierung bedeutet Mittelbeschaffung: Das Unternehmen stellt die dafür notwendigen liquiden Mittel bereit.

FINANZIERUNGWoher kommt das Kapital?INVESTITIONWofür wird es eingesetzt?KapitalRückflüsse

2. Investitionsanlässe

Investitionsart Ziel UNTERNEHMER AG
Ersatzinvestition Leistungsfähigkeit erhalten alte Maschine ersetzen
Rationalisierungsinvestition Kosten senken / Produktivität erhöhen automatisierte Fertigungszelle
Erweiterungsinvestition Kapazität erhöhen zweite Produktionslinie
Die Einordnung erklärt den Zweck der Investition. Erst danach folgt die quantitative und qualitative Auswahl zwischen konkreten Alternativen.

3. Finanzwirtschaftliche Ziele

Finanzierungsalternativen werden nicht nur nach ihrem Preis beurteilt. Relevant sind insbesondere Rentabilität, Liquidität, Sicherheit und Unabhängigkeit. Zwischen diesen Zielen können Konflikte entstehen.

FINANZIERUNGS-ENTSCHEIDUNGRentabilitätLiquiditätSicherheitUnabhängigkeit

4. Finanzierungsformen systematisieren

Kapitalherkunft / Rechtsstellung Eigenfinanzierung Fremdfinanzierung
Außenfinanzierung Beteiligungsfinanzierung Kreditfinanzierung
Innenfinanzierung offene / stille Selbstfinanzierung Finanzierung aus Rückstellungen
Kapitalfreisetzung Finanzierung aus Abschreibungsgegenwerten / Vermögensumschichtung
Die Systematik verhindert Begriffsvermischungen: Außen/Innen beschreibt die Herkunft; Eigen-/Fremdfinanzierung die Rechtsstellung des Kapitalgebers bzw. die Kapitalart.

5. Beteiligungsfinanzierung und Kapitalerhöhung

Bei der Beteiligungsfinanzierung fließt zusätzliches Eigenkapital zu. Bei einer Aktiengesellschaft kann dies durch Ausgabe neuer Aktien im Rahmen einer ordentlichen Kapitalerhöhung erfolgen. Das Bezugsrecht schützt bestehende Aktionäre vor einer unangemessenen Verwässerung ihrer Position.

Beispiel: Altes Grundkapital 8 Mio. €, Erhöhung um 2 Mio. € → Bezugsverhältnis grundsätzlich 4 : 1, sofern die Nennbeträge gleich sind.
alte AktionäreBezugsrechtneue AktienKapitalerhöhungUNTERNEHMER AGLiquidität + EK ↑

6. Kreditfinanzierung

Kreditfinanzierung führt Fremdkapital zu. Kreditgeber erhalten vertragliche Ansprüche auf Zins und Rückzahlung; Eigentumsrechte entstehen daraus grundsätzlich nicht.

Chance Belastung/Risiko
Eigentümerstruktur bleibt unverändert Zins und Tilgung belasten Liquidität
Laufzeit kann an Kapitalbedarf angepasst werden Verschuldung und Abhängigkeit steigen
schnelle Mittelbereitstellung möglich Sicherheiten/Kreditbedingungen können einschränken

7. Annuitätendarlehen und NEU: Abzahlungsdarlehen

Annuitätendarlehen

Die periodische Gesamtzahlung bleibt bei konstantem Zinssatz gleich. Mit sinkender Restschuld sinkt der Zinsanteil und der Tilgungsanteil steigt.

Annuität = Zinsen + Tilgung

Abzahlungsdarlehen

Die Tilgungsbeträge sind konstant. Die Zinsen sinken mit der Restschuld, daher sinkt die gesamte periodische Zahlung.

Jahr Restschuld Jahresanfang Zins 5 % Tilgung Gesamtzahlung
1 100.000 € 5.000 € 25.000 € 30.000 €
2 75.000 € 3.750 € 25.000 € 28.750 €
3 50.000 € 2.500 € 25.000 € 27.500 €
4 25.000 € 1.250 € 25.000 € 26.250 €
AnnuitätendarlehenAbzahlungsdarlehenGesamtzahlung konstantGesamtzahlung sinkt

8. NEU: Kontokorrentkredit

Der Kontokorrentkredit stellt eine Kreditlinie auf dem Geschäftskonto bereit. Er ist flexibel für kurzfristige Liquiditätsschwankungen, aber regelmäßig keine passende Dauerfinanzierung einer langfristigen Sachinvestition.

UNTERNEHMER AG: Eine kurze Lücke zwischen Lieferantenzahlung und Kundeneingang kann über die Kreditlinie überbrückt werden. Eine Produktionshalle sollte nicht dauerhaft damit finanziert werden.

9. Offene und NEU: stille Selbstfinanzierung

Offene Selbstfinanzierung entsteht durch einbehaltene Gewinne, die im Eigenkapital sichtbar werden. Stille Selbstfinanzierung beruht auf stillen Reserven, also Differenzen zwischen bilanziellen Ansätzen und wirtschaftlichen Werten, soweit diese aufgrund der Rechnungslegung entstehen.

Verbindung zu LB1: Bewertungsentscheidungen und Ergebnisermittlung können die Höhe des ausgewiesenen Gewinns und damit Finanzierungsmöglichkeiten beeinflussen.

10. Finanzierung aus Rückstellungen

Zwischen Bildung einer Rückstellung und späterer Auszahlung kann ein zeitlich begrenzter Finanzierungseffekt entstehen: Aufwand wird bereits erfasst, der Zahlungsmittelabfluss erfolgt später.

RückstellungAufwand jetztAuszahlungLiquiditätsabfluss späterzwischenzeitlicher Finanzierungseffekt

11. NEU: Finanzierung aus Abschreibungen

Abschreibungen sind Aufwand, aber in der Abschreibungsperiode grundsätzlich keine Auszahlung. Werden die Abschreibungsgegenwerte über Umsatzerlöse verdient und stehen sie im Unternehmen noch zur Verfügung, entsteht vorübergehend ein Kapitalfreisetzungseffekt.

AbschreibungAufwandUmsatzerlösGegenwert fließt zuLiquiditätvorübergehend freiErsatzspäter
Abgrenzung: Finanzierung aus Abschreibungen bedeutet nicht, dass die Abschreibung selbst Zahlungsmittel erzeugt. Entscheidend sind über Umsätze zurückfließende und noch verfügbare Abschreibungsgegenwerte.

12. Finanzierung durch Vermögensumschichtung

Gebundenes Vermögen kann in liquide Mittel umgewandelt werden, z. B. durch Verkauf nicht betriebsnotwendiger Vermögensgegenstände oder Abbau überhöhter Bestände. Dabei wird kein neues Kapital von außen aufgenommen.

13. Finanzierungsalternativen mehrdimensional beurteilen

Alternative Rentabilität Liquidität Sicherheit Unabhängigkeit
Beteiligung keine festen Zinsen keine Kredittilgung EK stärkt Risikotragfähigkeit neue Anteilseigner möglich
Darlehen Zinskosten Zins + Tilgung Verschuldung steigt Eigentümerstruktur bleibt
Selbstfinanzierung Gewinn bleibt verfügbar keine externe Tilgung EK kann steigen hohe Unabhängigkeit
Keine Finanzierungsform ist abstrakt „die beste“. Kapitalbedarf, Fristigkeit, Liquiditätslage, Risiko und Eigentümerinteressen bestimmen die Beurteilung.

14. Statische Investitionsrechnung – vier Verfahren

Verfahren Leitfrage Entscheidungsgröße
Kostenvergleich Welche Alternative verursacht geringere Periodenkosten? €/Jahr bzw. €/Stück
Gewinnvergleich Welche Alternative erzielt höheren Gewinn? €/Jahr
Rentabilitätsrechnung Wie stark verzinst sich das gebundene Kapital? %
Amortisationsrechnung Wie schnell fließt das Kapital rechnerisch zurück? Jahre
Welche Frage?Kosten?KostenvergleichGewinn?GewinnvergleichVerzinsung?RentabilitätRückflusszeit?Amortisation

15. Kostenvergleichsrechnung

kalk. Abschreibung=(AK−Restwert)/Nutzungsdauer
Ø gebundenes Kapital=(AK+Restwert)/2
kalk. Zinsen=Ø gebundenes Kapital·Kalkulationszinssatz
Anlage A: AK 500.000 €, Restwert 20.000 €, ND 8 Jahre, i=6 %, sonstige Fixkosten 45.000 €, variable Kosten 18 €/Stück, 20.000 Stück. Abschreibung 60.000 €, Ø Kapital 260.000 €, kalk. Zinsen 15.600 €, Gesamtkosten 480.600 €/Jahr.
Investitionsalternativejährliche Kosten in €Anlage AAnlage B

16. Gewinnvergleichsrechnung

Gewinn=Erlöse−Kosten
A: Erlöse 620.000 €, Kosten 480.600 € → Gewinn 139.400 €. B: Erlöse 640.000 €, Kosten 490.000 € → Gewinn 150.000 €. Trotz höherer Kosten erzielt B den höheren Gewinn.

17. Rentabilitätsrechnung

Rentabilität=(Gewinn+kalkulatorische Zinsen)/Ø gebundenes Kapital·100
A: (139.400+15.600)/260.000·100=59,62 %. Die Kennzahl ermöglicht einen relativen Vergleich der Kapitalverzinsung.

18. Amortisationsrechnung

Amortisationsdauer=Anschaffungsauszahlung/Ø jährlicher Rückfluss
Rückfluss=Gewinn+kalkulatorische Abschreibung (bei entsprechender Aufgabenstruktur)
A: Rückfluss=139.400+60.000=199.400 €. Amortisationsdauer=500.000/199.400≈2,51 Jahre.
Zeit in Jahrenkumulierter Rückfluss in €Anschaffungsauszahlung erreicht

19. NEU: ESG und ESRS in Investitionsentscheidungen

Die offizielle Änderungsübersicht nennt ESG-Kriterien und ESRS als mögliche Entscheidungsmerkmale im Rahmen der Investitionsrechenverfahren. Damit wird die quantitative Rechnung systematisch um Nachhaltigkeits- und Risikoinformationen ergänzt.

Dimension mögliche Investitionskriterien
E – Environmental Energieverbrauch, Emissionen, Ressourcenbedarf, Klimarisiken
S – Social Arbeitsschutz, Bedienergonomie, Qualifikationsbedarf, Auswirkungen in Lieferketten
G – Governance Compliance, Transparenz, Lieferantenkontrolle, Daten-/Prozesssicherheit
Eine Anlage kann rechnerisch günstiger sein und dennoch wegen hoher Energie-, Lieferketten- oder Compliance-Risiken strategisch nachteilig sein.

20. Scoringmodell: quantitative und qualitative Kriterien verbinden

Kriterium Gewicht Anlage A gewichtet Anlage B gewichtet
Kosten/Rentabilität 40 % 4 1,60 5 2,00
Energie/Emissionen 25 % 5 1,25 2 0,50
Service/Ausfallrisiko 20 % 5 1,00 3 0,60
Governance/Lieferant 15 % 4 0,60 3 0,45
Gesamt 100 % 4,45 3,55
Scoring ist eine Entscheidungshilfe. Gewichtungen und Bewertungen müssen transparent begründet und auf Sensitivität geprüft werden.

21. Integrierter Gesamtfall UNTERNEHMER AG

Die UNTERNEHMER AG plant eine neue Produktionsanlage. Zunächst wird der Kapitalbedarf bestimmt. Danach werden Beteiligungsfinanzierung, Darlehen und Innenfinanzierung verglichen. Zwei Anlagen werden mit statischen Verfahren gerechnet und anschließend um ESG-/ESRS-bezogene Kriterien ergänzt.

UNTERNEHMER AGInvestitionsentscheidungInvestitionsanlassFinanzierungFinanzzieleKosten / GewinnRentabilität / Amort.ESG / ESRS
Prüfungslogik: Problem einordnen → passende Rechnung wählen → Ergebnis interpretieren → Liquidität/Risiko prüfen → ESG/ESRS ergänzen → Entscheidung begründen.

22. Finanzierung und Investition als zusammenhängender Entscheidungsprozess

Eine Investition bindet Kapital, Finanzierung stellt Kapital bereit. In der Praxis muss die UNTERNEHMER AG beide Seiten gemeinsam betrachten: Kapitalbedarf, Laufzeit, Liquiditätsbelastung und Investitionsnutzen müssen zueinander passen.

KapitalbedarfbestimmenFinanzierungbeschaffenInvestitiontätigenRückflüsseLiquidität

23. Finanzwirtschaftliche Ziele und Zielkonflikte

Ziel Leitfrage möglicher Konflikt
Rentabilität Wie hoch ist der Erfolg im Verhältnis zum Kapital? hohe Fremdfinanzierung kann Risiko erhöhen
Liquidität Können Zahlungsverpflichtungen termingerecht erfüllt werden? hohe Liquiditätsreserve kann Rendite mindern
Sicherheit Wie robust ist die Finanzierung? sehr vorsichtige Finanzierung kann Chancen begrenzen
Unabhängigkeit Wie stark ist der Einfluss externer Kapitalgeber? Eigenkapitalbeschaffung kann Mitspracherechte verändern

24. Abzahlungsdarlehen: Tilgungsplan vollständig berechnen

Beim Abzahlungsdarlehen bleibt die Tilgung je Periode konstant. Weil die Restschuld sinkt, sinken auch die Zinsen und damit die Gesamtzahlung.

UNTERNEHMER AG: Darlehen 400.000 €, Laufzeit 4 Jahre, Zinssatz 5 % p. a.
Jährliche Tilgung = 400.000 / 4 = 100.000 €.
Jahr Restschuld Jahresanfang Zinsen 5 % Tilgung Gesamtzahlung Restschuld Jahresende
1 400.000 € 20.000 € 100.000 € 120.000 € 300.000 €
2 300.000 € 15.000 € 100.000 € 115.000 € 200.000 €
3 200.000 € 10.000 € 100.000 € 110.000 € 100.000 €
4 100.000 € 5.000 € 100.000 € 105.000 € 0 €
JahrZahlung in €1234120.000115.000110.000105.000

25. Kontokorrentkredit: flexibel, aber teuer

Kreditlinie 150.000 €, tatsächliche Inanspruchnahme 80.000 € für 45 Tage, Sollzinssatz 9 % p. a. bei kaufmännischer Zinsrechnung.
\(Z=80.000·0{,}09·45/360=\)900 €.

Der Kontokorrentkredit passt zu kurzfristigen Liquiditätsschwankungen. Eine langfristige Maschine dauerhaft damit zu finanzieren wäre wegen Laufzeit- und Kostenstruktur regelmäßig nicht sachgerecht.

26. Stille Selbstfinanzierung fachlich einordnen

Stille Selbstfinanzierung entsteht über stille Reserven, also Differenzen zwischen bilanziellen Wertansätzen und wirtschaftlichen Werten, soweit diese im Rahmen der Rechnungslegung entstehen. Anders als bei offener Selbstfinanzierung ist der einbehaltene Finanzierungseffekt nicht unmittelbar als Gewinnrücklage sichtbar.

Abgrenzung: Stille Selbstfinanzierung bedeutet nicht, dass beliebig Vermögenswerte „zu niedrig“ angesetzt werden dürfen. Ausgangspunkt bleiben die geltenden Bewertungsregeln.

27. Finanzierung aus Abschreibungen: Kapitalfreisetzung verstehen

Abschreibungen mindern den Erfolg, sind in der Abschreibungsperiode aber grundsätzlich keine Auszahlung. Werden sie über Umsatzerlöse verdient, können Zahlungsmittel bis zur Ersatzinvestition vorübergehend im Unternehmen verfügbar bleiben.

UmsatzerlöseAbschreibungs-gegenwert verdientMittel vorübergehendverfügbarErsatzinvestition
Lehrplanabgrenzung: Finanzierung aus Abschreibungen ist Bestandteil des neuen Lernbereichs. Ein Lohmann-Ruchti-Kapazitätserweiterungseffekt wird daraus nicht automatisch zum Pflichtinhalt.

28. Vier statische Investitionsrechenverfahren als Entscheidungssystem

Verfahren zentrale Frage typische Entscheidungsgröße
Kostenvergleich Welche Alternative verursacht geringere Periodenkosten? Gesamtkosten / Stückkosten
Gewinnvergleich Welche Alternative erzielt höheren Periodengewinn? Gewinn
Rentabilitätsvergleich Welche Alternative verzinst das eingesetzte Kapital besser? Rentabilität in %
Amortisationsvergleich Wie schnell fließt das eingesetzte Kapital zurück? Amortisationsdauer

29. Kostenvergleichsrechnung mit kritischer Menge

Anlage A Anlage B
Fixkosten/Jahr 180.000 € 240.000 €
variable Kosten/Stück 42 € 30 €

\(K_A=180.000+42x,\quad K_B=240.000+30x\)

Gleichsetzen: \(180.000+42x=240.000+30x\) → \(12x=60.000\) → x = 5.000 Stück. Unterhalb der kritischen Menge ist A kostengünstiger, oberhalb B.

Ausbringungsmenge x in Stückjährliche Kosten in €kritische Menge: 5.000AB

30. Gewinnvergleichsrechnung

Bei 8.000 Stück verursacht A Kosten von 516.000 €, B Kosten von 480.000 €. Bei einem Erlös von 75 € je Stück entstehen 600.000 € Gesamterlös.
Gewinn A = 84.000 €; Gewinn B = 120.000 €. Unter diesen Annahmen ist B nach der Gewinnvergleichsrechnung vorteilhafter.

31. Rentabilitätsvergleich: Erfolg zum Kapitaleinsatz in Beziehung setzen

Eine Investition mit höherem absolutem Gewinn muss nicht automatisch die höhere Rentabilität besitzen. Deshalb wird der Erfolg auf das durchschnittlich gebundene Kapital bezogen; die im Unterricht verwendete Formel ist konsequent anzuwenden.

Anlage A: durchschnittlicher Gewinn 84.000 €, durchschnittlich gebundenes Kapital 600.000 € → Rentabilität = 14 %.
Anlage B: 120.000 € / 1.000.000 € → 12 %. Damit können Gewinn- und Rentabilitätsvergleich unterschiedliche Rangfolgen erzeugen.

32. Amortisationsrechnung: Rückflussdauer berechnen

\(\text{Amortisationsdauer}=\frac{\text{Anschaffungsauszahlung}}{\text{jährlicher Rückfluss}}\)

Anlage A kostet 600.000 €. Durchschnittlicher jährlicher Rückfluss 150.000 € → 4 Jahre.
Anlage B kostet 1.000.000 €, Rückfluss 220.000 € → rund 4,55 Jahre.

Die kürzere Amortisationsdauer kann unter Risiko- und Liquiditätsgesichtspunkten attraktiv sein, ersetzt aber nicht die übrigen Verfahren.

33. ESG und ESRS als Investitionskriterien

Der neue Lehrplan erweitert die Investitionsentscheidung ausdrücklich um ESG-Kriterien und ESRS als mögliche Entscheidungsmerkmale. Die quantitative Investitionsrechnung bleibt bestehen, wird aber um qualitative bzw. nachhaltigkeitsbezogene Kriterien ergänzt.

Kriterium Anlage A Anlage B
Energieverbrauch hoch niedrig
CO₂-bezogene Wirkung ungünstiger günstiger
Arbeitssicherheit Standard verbessert
Lieferantentransparenz mittel hoch
Reparierbarkeit/Lebensdauer mittel hoch

34. Investitionsentscheidung mit Scoringmodell ergänzen

Kriterium Gewicht A Punkte B Punkte
Wirtschaftlichkeit 40 % 5 4
Energie/Umwelt 20 % 2 5
Arbeitssicherheit 15 % 3 5
Flexibilität 15 % 4 4
Governance/Lieferant 10 % 3 5

A: \(0{,}40·5+0{,}20·2+0{,}15·3+0{,}15·4+0{,}10·3=\)3,75.
B: \(0{,}40·4+0{,}20·5+0{,}15·5+0{,}15·4+0{,}10·5=\)4,45.

Interpretation: Gewichtungen und Punkte müssen begründet werden. Ein Scoringmodell macht Wertungen transparent, aber nicht objektiv.

35. Finanzierungsform und Investition auf Liquidität abstimmen

Die wirtschaftlich attraktive Investition kann scheitern, wenn die Finanzierung zu hohe kurzfristige Zahlungen erzeugt. Deshalb sind Investitionsrückflüsse und Kapitaldienst gemeinsam zu betrachten.

t0Jahr 1Jahr 2Jahr 3Jahr 4InvestitionRückflüsse ↑ / Kapitaldienst ↓

36. Sensitivitätsanalyse: Investitionsentscheidung unter Unsicherheit

Bei Anlage B steigen die variablen Stückkosten von 30 € auf 35 €. Dann gilt \(K_B=240.000+35x\). Die neue kritische Menge gegenüber A lautet: \(180.000+42x=240.000+35x\) → \(7x=60.000\) → 8.571,43 Stück. Eine Kostenänderung kann die Entscheidung also deutlich verschieben.

37. Großfall UNTERNEHMER AG: Investition und Finanzierung gemeinsam entscheiden

Die UNTERNEHMER AG vergleicht zwei Anlagen, muss 400.000 € Fremdkapital aufnehmen und erwartet schwankende Absatzmengen. Anlage B ist energieeffizienter, verlangt aber höheren Kapitaleinsatz.
  1. Bestimmen Sie Kapitalbedarf und geeignete Finanzierungsalternativen.
  2. Erstellen Sie einen Tilgungsplan für ein Abzahlungsdarlehen.
  3. Berechnen Sie die Kosten eines kurzfristigen Kontokorrentkredits.
  4. Erklären Sie stille Selbstfinanzierung und Finanzierung aus Abschreibungen.
  5. Führen Sie Kosten-, Gewinn-, Rentabilitäts- und Amortisationsvergleich durch.
  6. Ermitteln Sie eine kritische Menge.
  7. Ergänzen Sie ESG-/ESRS-Kriterien über ein Scoringmodell.
  8. Prüfen Sie die Liquiditätsbelastung.
  9. Führen Sie eine Sensitivitätsanalyse durch.
  10. Treffen Sie eine mehrdimensionale Entscheidung.

38. Typische Prüfungsfehler

Fehler Richtig
Investition = Finanzierung Mittelverwendung und Mittelbeschaffung trennen.
Finanzierung nur nach Zinssatz Rentabilität, Liquidität, Sicherheit, Unabhängigkeit beachten.
Annuität = Tilgung Annuität = Zins + Tilgung.
Abzahlungsdarlehen mit konstanter Gesamtzahlung Tilgung konstant, Gesamtzahlung sinkt.
Kontokorrent für langfristige Anlage Fristigkeit passend wählen.
Abschreibung erzeugt Zahlungsmittel nur Abschreibungsgegenwerte aus Umsätzen können Finanzierungseffekt entfalten.
Kostenvergleich trotz unterschiedlicher Erlöse passendes Verfahren wählen.
höchste Kennzahl entscheidet automatisch Risiken und ESG/ESRS ergänzen.
Scoringwert als objektive Wahrheit Gewichtungen und Bewertungen kritisch prüfen.

39. 35 Prüfungs- und Transferaufträge

A1. Investition und Finanzierung an einem Beispiel unterscheiden.
A2. Ersatz-, Rationalisierungs- und Erweiterungsinvestition zuordnen.
A3. vier finanzwirtschaftliche Ziele erklären.
A4. Finanzierungsmaßnahmen nach Innen/Außen und Eigen/Fremd einordnen.
A5. Auswirkungen einer Kapitalerhöhung auf Liquidität und Eigenkapital erläutern.
A6. Bezugsverhältnis einer Kapitalerhöhung berechnen.
A7. Kreditfinanzierung hinsichtlich Liquidität und Unabhängigkeit beurteilen.
A8. Tilgungsplan eines Abzahlungsdarlehens erstellen.
A9. Annuitäten- und Abzahlungsdarlehen vergleichen.
A10. Kontokorrentkredit einem passenden Finanzierungsanlass zuordnen.
A11. offene Selbstfinanzierung erklären.
A12. stille Selbstfinanzierung erklären.
A13. Finanzierungseffekt aus Rückstellungen erklären.
A14. Finanzierungseffekt aus Abschreibungsgegenwerten erklären.
A15. Fehlaussage ‚Abschreibung bringt Geld‘ korrigieren.
A16. Vermögensumschichtung als Innenfinanzierung erklären.
A17. Finanzierungsalternativen anhand der vier Finanzziele beurteilen.
A18. kalkulatorische Abschreibung berechnen.
A19. durchschnittlich gebundenes Kapital berechnen.
A20. kalkulatorische Zinsen berechnen.
A21. Kostenvergleich zweier Anlagen durchführen.
A22. Gewinnvergleich zweier Anlagen durchführen.
A23. Rentabilität zweier Anlagen berechnen.
A24. Amortisationsdauer berechnen.
A25. erklären, warum statische Verfahren unterschiedliche Präferenzen liefern können.
A26. geeignetes Investitionsrechenverfahren zu einer Fragestellung auswählen.
A27. ökologische Kriterien für eine Investitionsentscheidung entwickeln.
A28. soziale Kriterien für eine Investitionsentscheidung entwickeln.
A29. Governance-Kriterien für eine Investitionsentscheidung entwickeln.
A30. ESG/ESRS-Kriterien mit Investitionsrechnung verbinden.
A31. Scoringmodell für zwei Anlagen berechnen.
A32. Gewichtungen eines Scoringmodells kritisch prüfen.
A33. Sensitivität einer Investitionsentscheidung diskutieren.
A34. Finanzierung und Investition in einem Gesamtfall zusammenführen.
A35. UNTERNEHMER-AG-Gesamtfall fachsprachlich begründet entscheiden.
Zusatz 1. Investition und Finanzierung als Mittelverwendung bzw. Mittelbeschaffung unterscheiden.
Zusatz 2. Zielkonflikte zwischen Rentabilität, Liquidität, Sicherheit und Unabhängigkeit erläutern.
Zusatz 3. einen vollständigen Tilgungsplan für ein Abzahlungsdarlehen erstellen.
Zusatz 4. Zins- und Gesamtzahlungsverlauf eines Abzahlungsdarlehens interpretieren.
Zusatz 5. Kontokorrentzinsen für eine kurzfristige Inanspruchnahme berechnen.
Zusatz 6. begründen, warum ein Kontokorrentkredit keine typische langfristige Investitionsfinanzierung ist.
Zusatz 7. offene und stille Selbstfinanzierung unterscheiden.
Zusatz 8. den Finanzierungseffekt aus Abschreibungen erklären.
Zusatz 9. Finanzierung aus Abschreibungen vom Lohmann-Ruchti-Effekt abgrenzen.
Zusatz 10. Kostenfunktionen zweier Investitionsalternativen aufstellen.
Zusatz 11. eine kritische Menge berechnen und interpretieren.
Zusatz 12. eine Gewinnvergleichsrechnung durchführen.
Zusatz 13. Gewinn- und Rentabilitätsvergleich auf unterschiedliche Rangfolgen prüfen.
Zusatz 14. eine Rentabilität auf Basis des durchschnittlich gebundenen Kapitals berechnen.
Zusatz 15. eine Amortisationsdauer berechnen und beurteilen.
Zusatz 16. ESG-/ESRS-Kriterien für eine Investitionsentscheidung entwickeln.
Zusatz 17. ein Scoringmodell für zwei Investitionsalternativen berechnen und kritisch beurteilen.
Zusatz 18. Investitionsrückflüsse und Kapitaldienst gemeinsam auf Liquidität prüfen.
Zusatz 19. eine Sensitivitätsanalyse bei geänderten variablen Kosten durchführen.
Zusatz 20. einen integrierten UNTERNEHMER-AG-Fall aus Finanzierung, statischer Investitionsrechnung, ESG und Liquidität lösen.

40. Das Wichtigste auf einen Blick

  • Investition = Mittelverwendung, Finanzierung = Mittelbeschaffung.
  • Finanzierung wird nach Herkunft, Rechtsstellung und den Zielen Rentabilität, Liquidität, Sicherheit und Unabhängigkeit beurteilt.
  • Neu: Abzahlungsdarlehen und Kontokorrentkredit.
  • Neu: stille Selbstfinanzierung und Finanzierung aus Abschreibungen.
  • Kosten-, Gewinn-, Rentabilitäts- und Amortisationsrechnung beantworten unterschiedliche Investitionsfragen.
  • Neu: ESG-Kriterien und ESRS können in Investitionsentscheidungen einbezogen werden.
  • Eine vollständige Entscheidung verbindet Rechnung, Interpretation, Risiko und qualitative Kriterien.

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